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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Wo er am schlimmsten zu toben beginnt, führt uns die Straße ab von ihm. Man hört nur noch sein Grollen, immer tiefer herauf, während wir selbst nur wenig abwärts steigen. Plötzlich donnert er wieder vor uns. Eine mächtige Brücke überspannt ihn in Einem Bogen, und hier begrüßen wir den ersten großen Rheinfall. Er hat’s gewagt, und je tiefer der Sprung, desto höher ist fortan seine Lust, und die Rofflen sorgen dafür, daß er sie wacker büßen kann. Jetzt senkt sich auch die Straße oft steil in die Tiefe, und links verläßt uns das Donnern des Rheins nie. Ueber hundert furchtbare Stufen führt sein Weg in den Abgrund, immer mächtiger stürmt er einher, verstärkt durch frische Genossen, und immer herrlicher glänzen ihm Aug’ und Kleid. Bald sehen wir ihn dahin jagen auf glattem Gestein, im smaragdenen Gewande, verziert mit blüthenweißen Spitzen, bald rafft er sich zum Sprunge auf und stürzt, blinkend im stählernen Panzer und schaumbedeckt, von Fels zu Fels, bald ruht er aus im tiefen stillen Grunde und in seinem blauen Auge spiegeln sich die freudig nickenden Tannen, die grünen Hügel, die schwarzen Felsen und die sonnigen Häupter der Berge. Dazu klingt prächtig das „gutten Tack!“ der rothbäckigen Gesichter! Wie urkräftig und kerngesund steht und geht da Alles! Und wie stolz und fest tritt der Fuß auf und wandelt der ganze Mensch dahin auf dem Boden der Freiheit!
Die überraschenden, bezaubernden, entzückenden Gebirgsbilder erhalten auf dieser Wanderung Aug’ und Seele so in fortwährender Aufregung, daß es unmöglich ist, das Einzelne hier nur namentlich auszuführen, geschweige zu schildern.
An einem der schönsten Punkte verlassen wir die Rofflenschlucht. Die Straße führt in vielen Windungen abwärts durch einen lustigen Wald, dann auf hoher Brücke über den Averser-Rhein, der, vom Gebirg herabstürmend, sich mit in die Rofflen stürzt, und endlich rechts in weitem Bogen an dem lieblichen Alpendorf und der Ruine Bärenburg vorüber hinab in das heitere, vom nun doppelt starken Rhein in breitem Bette durchströmte dörfer und burgenreiche Schamserthal. Wir eilen durch die schönen Orte Andeer und Zillis, deren Bewohner dem Sprachstamme der Romanen angehören („Bon’ dies!“ lautet der Gruß der Leute) und gelangen nun zur eigentlichen Viamala.
Zwischen dem Müttnerhorn und dem Piz Beverin (8400 Fuß hoch) geht, wie durch Erdbeben gesprengt, ein Felsenspalt, oft nur einige Klaftern breit, aber von 6–800 Fuß Tiefe, durch welchen der Rhein seinen Weg aus dem Schamser- in das Domleschger-Thal fand und dem schon die Römer den Namen (via mala, schlimmer Weg) gaben. Durch diesen Spalt kriecht eine Fahrstraße! Hoch am Fels windet sie sich hin, so daß der Rhein oft 4–500 Fuß tief unter ihr in einem Bette wüthet, welches auf große Strecken ewige Finsterniß umfängt. Dreimal mußten den furchtbaren Abgrund Brücken mit Einem Bogen überspringen, da diesseits dem Vordringen der Straße jede Möglichkeit abgeschnitten, war. Hunderte von Arbeitern fanden bei diesem
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 217. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/227&oldid=- (Version vom 30.12.2025)