Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/25

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

einem Kegel gleich, bis zu seinem Gipfel noch 1500 Fuß aufsteigt. Die Ueberwindung dieser letzten Höhe kostet noch bedeutende Anstrengung, ist aber, bei der Sicherheit der hiesigen Pferde im Bergsteigen, nicht gefährlich und außerordentlich lohnend. Der Gipfel ist kahl und mit riesigem Felsgetrümmer übersäet; nichts hemmt den Rundblick, der bei klarem Wetter Deinem Auge einen Kranz der entzückendsten Bilder vorführt. Im Südosten erglänzt am Horizont ein blendender Silberstreifen: der atlantische Ocean, der in 65 Meilen Entfernung die Küsten von Maine umspannt. Seen aller Größe, vom langgestreckten Winnipiseogee bis zu dem Bergsee von wenigen hundert Morgen tauchen in allen Richtungen auf. Felsen- und Bergketten, mit im Nebel eingehüllten Thälern, ziehen sich unter dem Beschauer gleich versteinerten Wellen eines Sturmmeers hin. Letzteres ist’s, was unser Künstler nach der bezeichneten Richtung hin darzustellen suchte. Die Amerikaner betheuern, daß der Besuch dieses Washingtongipfels allein eine Fahrt über den Ocean werth sei.




Der Dom von St. Gatien in Tours.[WS 1]




An dem Namen „Tours“ hängen zwei deutsche Ehrenkränze. Von den Thürmen des Doms aus ist nach Süden hin, wo Poitiers liegt, das Schlachtfeld zu überschauen, auf welchem dieselbe weltgeschichtliche Aufgabe gegen Westen gelöst wurde, welche der deutschen Nation in späteren Jahrhunderten noch einmal gegen Osten zufiel: die Rettung des Christenthums und germanischer Kulturentwickelung gegen den Ansturm asiatischer Eroberer. Wie dort für Hunnen und Türken, mußte hier den Arabern der Pfahl mit dem zurückweisenden Arm in den Weg gesteckt werden. Der Austrasier Karl that dies mit dem Hammer, der ihm den Namen „Martell“ erwarb, im Jahre 732, und daher rührt der eine Kranz.

Den anderen Kranz verdiente den Deutschen ihre Baukunst: St. Gatien ist eines ihrer gerühmtesten Werke; es steht da wie ein deutsches Denkmal für die große deutsche That. Das Portal gehört zu den reichsten des ganzen Styls. Den Besucher des Innern erfreuen werthvolle Glasmalereien. Dem Massigen des Baues nicht entsprechend ist der etwas verspätete Abschluß der so gut begonnenen Thürme. Vor uns steht ein Kaiser im vollen mittelalterlichen Krönungsornat, aber mit dem Hauskäppchen, unter welchem das Zöpfchen hervorguckt.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Der Dom St. von Gatien in Tours. Korrektur siehe Inhaltsverzeichnis