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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Betrachte diese Straße, lieber Leser! Sieht sie aus wie ein Krater, dessen Ausbruch weithin die Erde erschüttert hat? Ihr Bild zeigt dir nichts als das Wogen großstädtischen Verkehrs, friedliche Pracht des Reichthums und prangende Bauten der Frömmigkeit. Zwischen griechischen Säulen wandelt das Glück der Gegenwart, und der gothische Finger des hochragenden Heiligthums weist von der Stätte des irdischen die Bewohner dieser Straße jeden Augenblick nach der des ewigen Friedens hin. Der Reiz des Erdenglücks in aller Versöhnung mit dem Himmel scheint aus dem Bilde uns entgegen zu lachen.
So ist der Schein, in der Wahrheit ist es anders. Gerade das Erschütterndste in der amerikanischen und europäischen Gegenwart fesselt uns an das Bild dieser Straße.
Wenn der Blitz ein Haus entzündet und der Sturm die Flamme ergreift und mit ihr dahinrasend ganze Städte elend macht in wenigen Stunden, so ist’s ein Unglück, aber Niemand ist da, auf welchen die Unglücklichen die Last der Schuld werfen. Man begräbt die Todten, man baut neue Häuser und rafft sich empor, ohne Groll im Herzen. – Wenn aber das Verbrechen die Brandfackel in das Haus warf, da frißt der Schmerz des Verlustes tiefer, er ist oft durch großes Glück nicht ganz zu verwinden, der Fluch über die Unthat bohrt im besten Herzen fort.
Und ist es einerlei, ob ein Erdstoß die festesten Bauten einer Stadt in einen Schutthaufen verwandelt, oder ob ein von Verbrecherhand entzündeter Pulverthurm Straßen und Menschen zerschmettert und den Bettelstab in hundert Familien schleudert?
Ist es einerlei, ob ungezähmte oder unerreichbare Kräfte der Natur lebensfeindliche Seuchen über ganze Länder schicken, oder ob der Giftmischer und Verfälscher die Gesundheit von Tausenden untergräbt und dem Einzelnen die vernichtenden Tropfen in den Becher gießt?
Ist es einerlei, ob Wolkenbrüche und Sturmfluthen die Fluren verwüsten, oder ob die kalte Bosheit Dämme durchsticht und hohnlachend zuschaut, wie die Wogen sich über Hab und Gut weiter Länderstriche dahin wälzen?
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 24. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/34&oldid=- (Version vom 25.12.2025)