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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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in diesem Augenblick (December 1857) die industrielle und die Handelswelt in ihren mächtigsten Vertretern darnieder liegen sehen.
Dieses unhemmbare, Amerika durchtobende, nach Europa springende, an hundert Stellen zugleich zündende Lauffeuer von Bankerotten ist eine Erscheinung so unheimlich, so grauenhaft, wie der Todesgang der Cholera. Ueber Nacht, plötzlich, kommt das Unheil. Die untergehende Sonne schied von einem Hause des Lebens und die aufgehende scheint in ausgestorbene Räume. Ein Millionär legt sich nieder, und am Morgen weckt er die Seinen als Bettler. Wie die Cholera, so hat auch dieses Unheil den geflügeltsten Trabanten an – der Furcht. Sie rüttelt am festesten Bau, die Furcht ist am mächtigsten, wo es die Unterwühlung der eigenen Schutzmauern gilt; sie tödtet das Vertrauen und wirft sich der Verzweiflung in die Arme. Nur dadurch konnte es möglich werden, sogar das „Herz des Geldumlaufs auf der ganzen Erde“, die Bank von England, bis nahe an’s Brechen zu bringen. Bis hoch in den Norden, bis zum äußersten Süden gehen die Schläge dieses Schicksals, Tausende von Familien zittern brodlos dem Winter entgegen, und was die Geldgier in Wall-Street verbrochen, muß der arme Weber im Erzgebirge, der arme Schachtelmacher im Thüringerwalde mit büßen!
Ja, lieber Leser, in der schönen Straße, die unser Bild dir als so glücklich und fromm vorgemalt hat, ist der Krater dieses neuesten Verderbens zu suchen. Newyorker Berichte gestehen es, daß der böse Geist des Mißtrauens, vor welchem der Werth alles Eigenthums plötzlich so tief sank, von einigen Banken und Spekulanten in Wall-Street citirt worden und daß diesen vor dem furchtbaren Auftreten desselben das bannende Zauberwort entfallen sei. Daß er sie in den Abgrund mit hinabriß, den sie für Andere geöffnet, ist ein schlechter Trost für die vielen Untergegangenen. Das aber, was das ganze Ereigniß zu einem so unheimlichen macht, ist die nun offenbare Thatsache, daß es nicht durch ein plötzliches, unvorherzusehendes äußeres Unglück herbeigeführt, sondern daß es während mehr als zehn Jahren langsam vorbereitet wurde. Alle Vorbedingungen desselben lagen so scharf vorgezeichnet da, daß ein nordamerikanischer Staatsmann, der Bundessenator Seward, schon am 1. März 1855 in öffentlicher Rede den Ausbruch des ganzen finanziellen und commerciellen Erdbebens mit vollster Bestimmtheit auf das Spätjahr von 1857 ansetzen konnte! So lange schon sah man drüben die schwarzen Wolken und log der übrigen Welt Sonnenschein vor, bis gegen das hereinbrechende Verderben keine Rettung mehr möglich war. Es liegt nun am Tage, daß betrügerischer Mißbrauch des Kredits die Hauptschuld an einem allgemeinen Unglück trägt, das durch die herrschende Extravaganz amerikanischer Spekulationen immer von Zeit zu Zeit wieder herbeigeführt werden wird, wenn nicht das ganze Kreditsystem der Gegenwart eine Neugestaltung erfährt.
Es wäre nämlich mehr als naiv, dem augenblicklichen Baargeldmangel in Amerika gegenüber an ein Sinken des Nationalwohlstandes zu denken. Das Land ist unendlich reicher, als je, ja seine Hülfsquellen sind geradezu
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/37&oldid=- (Version vom 25.12.2025)