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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Während nämlich, sagt mein Freund Stein, die Entwickelung des Kreditwesens eine fast absolute Solidarität des Kredits der Welt erzeugt hat, sind die Mittel, welche gegen die Störung des Kreditlebens ergriffen werden, noch immer durchaus lokaler Natur – lokal im Verhältniß zu dem Umfang des Uebels, mit dem sie kämpfen: Amerika geht seinen Weg, England den seinigen, Frankreich den seinigen, Deutschland den seinigen. Die Folge ist, bei der Zusammenhangslosigkeit der Maßregeln gegenüber der Gleichartigkeit und dem Zusammenhang des Uebels, die Machtlosigkeit der ersteren und das Ueberhandnehmen des letzteren. Also, was gilt es heute? Der gleichartig allgemeinen Krankheit einen gleichartig allgemeinen Widerstand entgegen zu setzen, d. h.: die Vereinigung der großen europäischen Banken zu gemeinsamen Maßregeln! Wir sind in der Zeit, wo aus den Kriegsverträgen Friedensverträge werden; wir sehen Verträge über Alles entstehen, was die geistige und materielle Welt im Verkehr zwischen den Nationen bewegt: nur der Kredit hat sich bis heute dem Völkerverein entzogen! Er wird nicht auf die Dauer widerstehen können, und so dürfen wir der Hoffnung leben, daß auch hier ein Damm gebaut wird gegen das willkürliche Erzeugen namenlosen individuellen Elends dadurch, daß die Geldmächte dem Beispiele der Staaten folgen, in denen sie leben. –
Wie viel Jammer aber bis dahin aus dieser unlauteren Quelle noch über den civilisirtesten Theil der Menschheit kommt, das weiß Gott! Es müssen ja immer erst Millionen zu Grunde gehen, ehe der rettende Gedanke eines edlen Geistes gegen die Mächte der Selbstsucht den Sieg erringt!
Werfen wir nun einen Blick in die Straße, die dir, lieber Leser, nun nicht mehr so fromm und glücklich erscheinen wird. Sie kann nichts dafür, sie ist eben das Herz von Newyork und hat auch zwei Kammern: die eine ist das Zollhaus und die andere die Börse. Den malerischen Hauptschmuck unseres Stahlstichs bildet die Trinity-Church (Dreifaltigkeitskirche), Eigenthum der Sekte der Episkopalen, die schönste Kirche Newyorks, an der jedoch der Thurm von 260′ Höhe die Hauptsache ist; das ihm angehängte Gotteshaus faßt kaum 800 Menschen. Wir haben sie bereits auf dem Bilde des Broadway (Bd. XV, S. 211) gesehen, in welchen die Wall-Street mündet. Die Wall-Street nennt ein geistvoller Reisender den Schlüssel zur Kasse Uncle Sams, die Schnur, mit welcher Amerika seinen Beutel schließt und öffnet, den Thermometer des gesammten transatlantischen Verkehrs: wie das Geld die Welt regiert, so regiert die Wall-Street das Geld; aus ihren geheimnißvollen Schreibstuben gehen die Dekrete hervor, welche Ueberfluß und Mangel, Krieg und Frieden schaffen. In der Mitte einer Doppelreihe von Banken und Comptoirs, deren Eingänge wir mit Pfeilern von polirtem Gestein
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 29. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/39&oldid=- (Version vom 25.12.2025)