Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/51

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Welt, der andere schlug Wurzeln unter dem heiteren Himmel des romanischen Südens, der dritte breitete seine Aeste aus über das Morgenland des Slaventhums. Es war derselbe Trieb, der in jeden Boden gesenkt wurde, aber den Boden hat Gottes Weisheit verschieden geschaffen, und angemessen seinem Boden wuchs jeder der drei Bäume dem Himmel der Christen entgegen. Dort werden die getrennten Spitzen wieder zur Wurzel des Urstammes kommen, und was die arme Kreatur auf unserer Erde, diesem millionsten Theilchen von den Millionen Theilen des Alls, im blinden Wahne verdammte, wird der Segen der Liebe und des Friedens versöhnen und vereinigen in Ewigkeit.


Unser Bild führt uns in die Kirche des heiligen Grabes. Wir folgen einem der jüngsten Besucher der heiligen Stätten. Wenn man, sagt er, um zum inneren Hauptbau zu gelangen, in der Mitte des Rundganges die halbcirkelförmigen Stufen aufsteigt, so erreicht man den Altar der großen Calvarienkirche. Hier, wie in allen griechischen Theilen der Kirche, entfaltet sich eine jede wahre Andacht störende Pracht, die im Griechenchor, dem Gegenstand unseres Bildes, am auffallendsten ist. Ein großer, schöner Kronleuchter und unzählige Lampen verbreiten ihr Licht über die mannigfaltige Architektur vieler Jahrhunderte. In den Feldern der Wände erblickt man, durch Pilaster abgetheilt, welche mit ihren darauf ruhenden Rundbogen zugleich byzantinische, gothische und Renaissance-Dekorationen bieten, die Bildnisse der Apostel und vieler anderen Heiligen, während die großartigen Thronhimmel zu beiden Seiten, zu denen Stufen aufwärts führen, zierlich durchbrochenen, neugothischen Ausputz mit dem massigeren Ausbau im italienischen Style verbinden. In der Mitte dieses Chors zeigt auf dem Fußboden ein zwei Fuß im Durchmesser haltender Kreis, den ein vasenförmiger Aufsatz ziert, den Mittelpunkt der Erde an. – Seit einigen Jahrhunderten wissen wir, daß dieser Punkt auf unserer Erdkugel überall zu finden ist. Aber die Vase bleibt stehen, wie die Erde der Bibel.