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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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„Die Originale werden immer seltener.“ So lautet eine der allgemeinsten Bemerkungen, ja fast Klagen der gegenwärtigen Gesellschaft. Sonst, sagen die Alten, hat jedes Städtchen, jedes Dorf seinen „originellen Kerl“ gehabt: jetzt gibt es nur noch wohlgezogene, artige Leute, sieht Einer aus wie der Andere, und die Entgegengesetzten haben nichts Originelles mehr, sondern sind höchstens grob. Das Bleibende im Wechsel ist allein die Fortsetzung des Beispiels jener biblischen vierzehn Jungfrauen: daß eben Thörichte und Kluge auf dem Lebensweg nebeneinander dahin laufen mit oder ohne Oel in den Lampen. –
Die Wahrheit dieser Bemerkung hat guten Grund, die Erscheinung selbst ist eine lokale, keine allgemeine. Wo ein „origineller Kerl“ gedeihen soll, muß kräftiger Boden und frische freie Luft sein, sonst verkümmert diese edle Pflanze. Und edel ist eine solche Pflanze stets. Ein richtiger origineller Kerl ist der „Kunz von der Rosen“ seines Orts, seiner ganzen Umgebung. Die Guten lieben, die Schlechten scheuen ihn, denn er hat das stillschweigend anerkannte Recht, Jedermann die schnurgerade Wahrheit zu sagen, weil er es versteht, dieses Recht auf seine besondere Manier zu handhaben. Für diese große Gerechtsame trägt er gern zur Erheiterung der Menge mitunter eine Narrenkappe zur Schau, und das ist der Theil vom Stück, welchen der große Haufe als sein „Originelles“ erkennt. Zu einem originellen Kerl gehört das stolze Gefühl der Selbstständigkeit seiner ganzen Umgebung gegenüber, einer sicheren geistigen Ueberlegenheit über die Denkhöhe der Menge und die scharfe Waffe des Witzes zur klaren Gemüthlichkeit eines reinen Herzens. Eine andere charakteristische Haupteigenthümlichkeit der originellen Kerle ist ihre leichtere Behandlung des Lebens überhaupt, d. h. sie sind nur gar zu oft den „Vögeln unter dem Himmel“ gleich: sie säen nicht, sie ernten nicht, und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch. Die Besten des Standes hängen diesem Zuge wenigstens insofern an, als sie das philiströse Einerlei regelmäßiger Thätigkeit verschmähen, mit fester Kraft und glücklich arbeiten, so lange die Lust dazu ihnen im Herzen sitzt, aber dafür auch diesem Herzen die Freude machen, ihm allezeit gehorsam zu
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/54&oldid=- (Version vom 25.12.2025)