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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Aber auf der Erde sterben sie nicht aus: sie wandern mit in neue Länder und setzen sich fest, wo sie ihren guten Boden, ihre rechte Luft finden. Eine dauerndere Heimath überall haben sie in einzelnen Ständen, die dem Forscher nach solchen erquicklichen Erscheinungen stets gute Ausbeute liefern werden. Das sind die in sich noch fest verbundenen und durch die Eigenthümlichkeit ihres Lebenserwerbs von der gewöhnlichen Gesellschaft abgeschlossenen Stände, wie die Männer der See, der hohen Gebirge, der Tiefen der Erde und weit abseits liegender Landwohnungen. Nur abseits vom Strom des civilisirenden Alltags gedeihen auch bei uns noch diese Originellen; ebenso in Städten, welche groß genug sind zur Einsamkeit für den Einzelnen.
Im Einzelnen spiegelt sich das Ganze ab; im großen Ganzen erkennen wir die Bilder des Einzelnen wieder. Von originellen Kerlen, von originellen Ständen werden wir geführt zu originellen Völkerschaften. Jede Nation hat im Kranze ihrer Völker eine solche „wunderliche“ Blume, jede Nation hat ihren belachten und doch geliebten „Kunz von der Rosen.“ Welcher Deutsche denkt in diesem Augenblick nicht an unsere braven Schwaben? Wo ist noch ein deutscher Volksstamm, der so viel Stoff zu lustigen und lächerlichen Geschichten geboten hätte? Und wo ist noch ein deutscher Volksstamm, aus dessen Mitte für die Nation eine Reihe von Original-Männern der Wissenschaften und der Künste, der Industrie und jeder Richtung des öffentlichen Lebens hervorgegangen wäre, wie aus dem der Schwaben? Und Männer der Wahrheit waren sie alle, die Dichter und Philosophen, Gelehrte aller Fächer, Staats- und Geschäftsmänner, Fürsten und Helden, welche ihres Landes Stolz waren und der stolzesten deutschen Länder höchste Zierden wurden. Darum mag des Schwabenvolkes Antlitz immer schalkhaft lächeln zu dem ihm nacherzählten „Schwabenstreichen“, der Lorbeer bleibt doch ewig grün auf seinem Haupte, und ganz Deutschland sieht in ihm seinen hochherzigen Kunz von der Rosen, den Retter aus mancher Geistesnoth und den treuesten Freund in jeder Gefahr des Vaterlandes.
Auch Frankreich hat sein Schwabenland, das jedoch mit dem deutschen weniger von der Ehren-, als von der komischen Seite gemein hat. Es ist die Gascogne, das französische Hauptland der originellen Kerle. Bekanntlich, und wie erst im Artikel Paris angedeutet worden, war es ein Hauptbestreben des französischen Königthums, die Volksthümlichkeiten der einzelnen früher selbstständigen Bestandtheile des Reichs zu vernichten, um durch die Uniformität des Nationalgeprägs sich die Herrschaft zu erleichtern und gegen jedes Erwachen von Selbstständigkeitsgedanken zu sichern. Dies Bestreben ist nicht durchweg von Erfolg gewesen, am wenigsten aber in der Gascogne. Dort war, wie überall, das Gebirg und die Armuth des Landes der Schutz des Volksthums, das sogar Herr wurde über seinen ärgsten Feind: die vielfache dynastische Zersplitterung der Gascogne. So finden wir denn noch heute die Million Menschen, welche auf dem alten Gebiete des jetzt in dreizehn Departements zertheilten Landes leben, ganz und fest in ihrer interessanten Volksthümlichkeit, sowohl in ihrer äußern Erscheinung,
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/56&oldid=- (Version vom 25.12.2025)