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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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war’s Etwas, ein Postillon zu sein! Ein Mann, der oft dreimalvierundzwanzig Stunden nicht aus dem Sattel kam und den Postwagen auf einer Strecke von drei Meilen höchstens vier- bis fünfmal umwarf! Es ist ein gerechter Stolz, mit dem diese alten Postillone der Heldenarbeit ihrer Postfuhren sich rühmen, und eine gerechte Mißachtung, mit welcher sie auf die bequemliche Spielarbeit der Chaussée-Kutscher unserer Tage hinabsehen.
Wer zu jener Zeit nicht reiten konnte und nicht laufen wollte, mußte, wie noch heutzutage, nach seinem Reiseziele fahren; aber Das war es eben, was ganze Familien bedenklich machte. Man traf Vorbereitungen, wie jetzt zu einer Reise um die Welt; man machte Testamente und nahm Abschied wie für die Ewigkeit. Eine Reise nach Frankfurt, Leipzig, Nürnberg nahm Wochen in Anspruch und jede hatte ihre halsbrechenden Partien. Zwischen Hildburghausen und Koburg ging der Postwagen in der Woche nur zwei Male, und doch war er alle sieben Tage der Woche unterwegs. Die Briefe allein hatten’s besser, als Menschen und Packete: sie wurden durch die sogenannten Felleisen-Reiter befördert.
Versuchen wir eine solche altehrwürdige Postfahrt nach Koburg. Es ist neun Uhr, der Schwager greift zum Horn, der Geleitsreiter schwingt sich in den Sattel. Wir nehmen rührenden Abschied von den Unserigen, Blicke der Angst und Bedauerniß folgen uns nach, denn es hat mehre Tage geregnet, wir werden den Weg gründlich kennen lernen. Nun sitzen wir im gelben Kasten, bald ist das Pflaster der Stadt überwunden, bald keucht der Wagen über die steinerne Werrabrücke beim Schauspielhause, wir haben „das Freie“ erreicht, und nun kann’s losgehen. Und es geht los, die Räder sinken immer tiefer in den Mutterschoß der Erde hinein, die Thiere arbeiten mit äußerster Anstrengung, endlich schieben auch die Menschen mit, jetzt geht’s vorwärts, wie die Schnecke im Sand, jetzt wie der Zeiger auf der Uhr, und jetzt – plumps, da ist ein schönes Loch erreicht. „Erfahrung macht klug“, denken die Pferde und bleiben stehen. Der Geleitsreiter eilt um Hülfe davon, die Reisenden aber haben eine lange Gelegenheit, die freundliche Stadt aus der bereits gewonnenen Entfernung von fünf Minuten aufmerksam zu betrachten. Nach mehr als einer halben Stunde nahen verschiedene Ochsengespanne, sie werden den Pferden vorgeschirrt, und der Kampf mit der Attraktionskraft der Erde und ihres Koths wird gewagt. Er gelingt; Wagen und Geschirr halten aus, die Räder drehen sich wieder. Von Neuem beginnt das Quatschen unten, das Schwanken oben, abwechselnd Schnecken- und Uhrzeigergang, Ruck und Stoß, bis der Müller abseits zur Linken des Wegs auf seinem Blöcherhausen warnend winkt und ruft. Aber – „zu spät!“ hohnlacht das Schicksal, und hinsinken Räder und Kasten auf die rechte Seite. Wie Gespenster aus dem Grabe steigen wir zum linken Fenster aus dem Wagen in die Freiheit hinaus, Einer um den Andern und mit den verschiedensten Gesichtszügen, von der breitesten Breite des Lachens, bis zur längsten Länge des Aergers. Den vereinten Kräften der Männer, vom Ochsenbauer bis zum Postillon hinauf, gelingt’s, das Fuhrwerk wieder auf die Räder zu
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 65. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/75&oldid=- (Version vom 25.12.2025)