Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/79

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Jeder neue Straßenzug führt die Verödung der älteren, bisher belebten Verkehrswege herbei. Dies traf viele Gegenden des gebirgreichen Deutschlands um so mehr, als die Straßenbaukunst mit Hülfe ihrer vielfachen Verbesserungen fortan den Thalbau der früher beliebten Richtung über die Berge vorzog und, den größeren Ansprüchen des Verkehrs entsprechend, vorziehen mußte. Man verlangte für den Fuhrwagen schwerere Beladung, für Post- und andere Reisewägen raschere Beförderung. Dies mußte die Bergwege mit ihrem kostspieligen Vorspannzwang in Mißkredit bringen. Die Staaten wendeten ihre Hauptsorge den großen Straßenzügen zu, überließen die alten Straßen der Fürsorge der Gemeinden, überantworteten sie dadurch in den meisten Fällen dem Untergang, aber zugleich auch den Wohlstand der Gebirgler selbst einem raschen Verfall: Niemand zweifelt mehr daran, daß ein großer Theil der sich so oft wiederholenden furchtbaren Noth gerade in den Gebirgen Mitteldeutschlands deren Mangel an guten Kommunikationsmitteln zur Last falle. – Der Verkehr drängt in seiner koncentrischen Richtung nach den großen Werkstätten der Industrie und nach den großen Märkten hin, die Reiselust zieht von einer großen Stadt zur andern, was dazwischen und abseits liegt, bleibt sich von nun an selbst überlassen. Schon vor Jahren klagte eine Stimme vom Rhein über den Verfall aller kleinen Städte an dem jetzt mit Dampfeshülfe von Hunderttausenden befahrenen Strom. Tausende, heißt es dort, sehen sich jetzt im Vorüberfahren an den schönen armen Städten satt, in welchen sich früher hundert Reisende satt zehrten. Ein solches wirthschaftliches und sociales Erkranken wird sich in allen vom Verkehrsstrom verlassenen Gegenden Deutschlands um so fühlbarer machen, jemehr das Eisenbahnnetz sich zum alleinherrschenden Beförderungsmittel vervollständigt.

So plötzlich und gewaltsam, wie durch Dampfkraft und Schienenwege, sind, so weit die Geschichte der Menschheit zurückgeht, die Bahnen des Verkehrs nicht in andere Richtungen getrieben worden. Ebenso gewaltsam werden sie auf die Umgestaltung des gesammten öffentlichen Lebens einwirken. Hunderte von kleinen Städten mit ihren kleinen Gewerben werden hinsiechen, und ein ebenso krankhafter Ansatz wird die Hauptplätze des Verkehrs anschwellen: der durch freies Gewerbe selbstständige Bürger verschwindet und das Proletariat bevölkert die Emporien der Massen-Fabrikation und des Welthandels. Die Landbevölkerung aber scheint die, bei der vorherrschenden Sorge für Eisenbahnbauten hie und da bereits hervortretende Vernachlässigung der öffentlichen Straßen sich zum Muster zu nehmen; der alte feindselige Zug gegen alles Wegebauen macht sich wieder geltend, es wächst schon wieder Gras auf vielen Wegen, andere ackert man um als Ersatz für das zu Eisenbahnbauten abgetretene Land. So ist man denn in dem besten Zuge, Alles zu thun, was die Verarmung der abseits von den Bahnen gelegenen Ortschaften am schnellsten herbeiführen muß. Angesichts dieser Thatsachen und bei der klaren Voraussicht in die unausweichbare Zukunft des größten Theils unserer Volksgenossen ist jede Stimme verpflichtet, das rettende Wort auszurufen, und das ist: Baut gute Straßen zur Eisenbahn! Das ist das