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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Harper’s Ferry heißt der Ort, welcher im Bilde vor uns liegt. Seinen Namen mag er daher haben, daß hier ein Ansiedler Harper eine Fähre zum Uebersetzen der Reisenden hielt. Jetzt führt eine 800 Fuß lange Brücke über den Strom und verbindet hier Virginien mit Maryland. Der Ort selbst ist unregelmäßig gebaut, dehnt sich am Fuß eines Hügels aus und gewährt mit seinen malerischen Hintergründen von mehren Seiten einen prächtigen Anblick. Obgleich die Einwohnerzahl 5000 noch nicht übersteigt, so haben doch vier christliche Sekten ihre Kirchen und Bethäuser hier. Auch das Geschäftsleben hat neben die Naturwunder seine kolossalen Bauten gestellt. Die Wasserkraft, die einst den granitnen Arm der blauen Berge zerbrach, dreht jetzt gehorsam im Menschendienste die Räder großer mechanischer und Manufaktur-Etablissements. Am bedeutendsten ist die Gewehrfabrik und Kanonenbohrerei. Das hiesige Arsenal für die Vereinigten Staaten bewahrt durchschnittlich 80-90,000 Stück Musketen. Diese Kampfstätte der Natur ist ohne Zweifel der rechte Ort für die Lehre: Rüste für den Krieg, so bewahrst Du Dir den Frieden.
Nicht bloß zerstörend-schaffende Kräfte tobten hier sich aus, auch künstlerische Launen hatte die Natur und stellte einen Gegenstand dar, der die Augen aller Reisenden auf sich zieht. Auf der Marylandseite der Felsenwand hängt hoch eine Klippe über den Potomac, in welcher die Hand der Natur das vollkommen ähnliche Bildniß Washington’s ausgeprägt hat. Nicht bloß amerikanische Augen wollen hier den größten und besten Mann der Nation im Felsenbilde sehen; Jeder erkennt auf den ersten Blick nicht bloß annähernde, sondern fest und bestimmt die edlen, erhabenen Züge, die zugleich den großen Charakter des Mannes widerspiegeln. Natürlich ist dieses Naturspiel für Tausende ein weit stärkerer Anziehungspunkt, als alles Andere in dem wunderreichen Erdwinkel. – Uebrigens wird im Britischen Museum ein ähnliches Natursteinbildniß des Dichters Chaucer aufbewahrt, welches wenigstens darthut, daß die Natur den Amerikanern kein Unicum geschenkt hat.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/87&oldid=- (Version vom 26.12.2025)