Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/95
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
|
|
dadurch in Gefahr kommen könnten, ein solches Volk entbehrt der Würde, die dem Tragischen im Lebensende eines Mannes Etwas zu- oder abzuthun vermöchte. Lopez starb, verfallen dem Gesetz der herrschenden Gewalt, nicht gefallen im Auge der Geschichte, deren Urtheilspruch kein spanischer Prokonsul zu diktiren hat.
Narciso Lopez, geboren 1798, war der einzige Sohn eines Spaniers in Venezuela, der außer ihm noch vierzehn Töchter hatte. Die Familie lebte glänzend von ihren reichen Besitzungen in den Llanos. Da begann der Kampf der „Patrioten“ gegen die spanische Herrschaft, der Bürgerkrieg, und machte Narciso’s Vater zum armen Mann. Das geschah 1812. Die Sorge für die Seinen zwang ihn, einen kleinen Handel anzufangen, und zur Unterstützung desselben schickte er Narciso nach Valencia (20 deutsche Meilen von Caraccas, Venezuela’s alter Hauptstadt). Der Krieg wüthete indeß fort, mit der Erbitterung stieg die Grausamkeit; als die Spanier es Bolivar versagten, das Leben gefangener Patrioten zu schonen, erklärte er den Freiheitskampf zur „Guerra a muerte“, zum Krieg auf Leben und Tod. Nach der Schlacht bei La Puerta rettete sich ein Theil der besiegten Patrioten nach Valencia. Inzwischen hatten die Spanier, jedes Mittel zur Unterdrückung der Empörung aufbietend, die schwarze Sklavenbevölkerung gegen die Patrioten bewaffnet, die thierischeste Scheußlichkeit zog hinter der spanischen Fahne her, und eine Rotte derselben, von den Spaniern selbst „die höllische Division“ genannt, lagerte sich unter Boves, dem furchtbarsten aller spanischen Anführer, vor Valencia. Nach tapferer Vertheidigung, an welcher der nun sechzehnjährige Narciso den eifrigsten Antheil nahm, ging die Stadt durch eine Kapitulation über, welche Boves vor beiden Armeen und nach gefeierter Messe und Kommunion im Angesicht des Allerheiligsten beschworen hatte. Trotzdem war der Spanier kaum Herr der Stadt, als er Alles, was Waffen getragen hatte, über die Klinge springen ließ. O Glaube und Treue! – Narciso entging dem Tode nur durch sein jugendliches Aussehen; er galt als Knabe, der noch in der Erziehung sei. Drei Jahre später war dieser Knabe Rittmeister, geschmückt mit dem San-Fernando-Kreuz höherer Ordnung, und nach anderen drei Jahren saß derselbe, kaum 23 Jahre alt, als Oberst mit in dem Kriegsrath, welcher die Räumung Venezuela’s von Seiten der spanischen Macht entschied. Die Noth hatte Narciso die spanischen Waffen in die Hand gedrückt, und er blieb ihnen treu, bis er in Cuba seine zweite Heimath und durch eine längere Lebenserfahrung ein anderes Ziel seines Strebens gefunden hatte. Die Revolution auf dem Festland war siegreich, die königl. spanische Generalkapitanerie Caraccas sammt dem Vicekönigreich Neu-Granada hatte sich in eine Republik Columbia verwandelt, anerkannt vom Kongreß der nordamerikanischen Union und befestigt durch Spaniens letzte unglückliche Hauptschlacht bei Carabobo, Mitte Juni 1823. Lopez schlug den Antrag, als Oberst in das republikanische Heer einzutreten, aus und begleitete den Rest der spanischen Truppen nach Cuba. Den aktiven Kriegsdienst verließ er hier jedoch, seit Ferdinand VII. die spanische Konstitution mit französischer Waffenhülfe vernichtet hatte.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/95&oldid=- (Version vom 26.12.2025)