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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Das Vintschgau ist’s, in das wir vom Standpunkt unseres Zeichners hinabsehen, das lieblichste Hochthal Deutsch-Tyrols, und der Bergriese, der in glänzender Majestät über die Wolken ragt, der König der deutschen Alpen, die hohe Felsenburg, die Deutschlands Pforten hütet, ist der Ortles. Seine Eiseszinne leuchtet weithin über die blutbethauten Gefilde des Po, über die frischen Grabhügel deutscher Ehre, und um seine Hüften windet sich über das Stilfserjoch zum Land der Wälschen der große Heerweg, um den vor Kurzem noch heißer Kampf tobte.
Ob er ausgetobt hat? – Wem läge die Binde so dicht auf den Augen, daß er nicht die blutigen Saaten sprießen sähe aus den noch rauchenden Schlachtfeldern Lombardiens, wer besäße Stumpfsinn genug, beschriebenen Fetzen Papiers jüngsten Datums mehr Haltbarkeit zuzutrauen, als der Schneide des Schwerts, wessen Köhlerglaube wäre so groß, faules Diplomatenwerk für Sieg des Rechts zu erkennen, wer hätte die Zahl der Meineide, die Größe der Arglist, die Leere der Versprechen, die Falschheit der Betheuerungen, die Grausamkeit der Herrschsucht, die Rücksichtslosigkeit des Ehrgeizes, die Schlechtigkeit der Mittel, die Niedrigkeit der Zwecke vergessen, die jüngst den Vertrag besiegelten, welcher Europa den Frieden wieder geben soll? Solcher Friede ist Danaer-Geschenk. Den Krieg für solchen Frieden! –
Wie oft und wie lange schon ward Ach und Weh über das sonnige Italien ausgeschrieen, daß sie nimmer heile Deutschlands große Schmerzenswunde, wie oft wurde diese lockende Sirene verflucht, daß sie nimmer satt unserer Söhne bestes Herzblut trank! Und doch führt der falsche Wahn immer frische Schaaren in die Arena, doch beginnt das Gladiatorenspiel stets auf’s Neue, und würgen sich die Völker ab um den dürren, dorn’gen Siegeskranz.
Nicht des Ottonen unheilvoller Sieg trägt allein die Schuld, daß seit ihm Italien nie aufgehört hat, die Pandora-Büchse für das Glück unseres Vaterlandes zu sein, der Zwiespalt des Rechts der Nationalität, der Selbstbestimmung, der Vaterlandsliebe mit dem starren kanonischen historischen Recht ist es, es ist der nimmer ermüdende Kampf der Freiheit gegen das usurpirte Recht der Gewalt, es ist die Mißhandlung, die Verachtung des heiligen, angebornen, unveräußerlichen Rechts eines Volkes, welches immer wieder die Schwerter gegen einander führt. So lange nicht die Völker Gerechtigkeit gegen einander üben, so lange nur die Interessen der Dynasten, und nicht das Wohl und die Ehre der Nation das Schwert in die Schale werfen, so lange hinter den Eiswällen des
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/112&oldid=- (Version vom 4.1.2026)