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deutschen Ortles kein starkes, einiges deutsches Volk an seinen Grenzen wacht, so lange Haß und Zwietracht die deutschen Bruderstämme auf einander hetzen, so lange noch vielfarbige Grenzbäume die deutschen Gauen trennen und das deutsche Blut nicht unter einem einfarbigen Gewand und in gemeinsamen Pulsschlägen siedet, so lange nicht das eine deutsche Panier von den Grenzmarken unseres Vaterlandes weht, so lange wird in diesen Grenzen kein Glück und Friede wohnen, und wahrlich, so lange wird die Strahlenkrone des Ortles nicht aufhören, in den blutigen Lachen der Völker-Metzeleien sich wiederzuspiegeln.

Wenden wir uns ab von dieser düstern Betrachtung, die die Zeit uns nicht erläßt, und zurück nach den grünen idyllischen Thälern des Ortles, in denen ja der Hirte wieder seine Rinder aufsucht und der Knall des Stutzen wieder nur dem flüchtigen Wilde der Berge gilt. – Unsere Burg, die dem Bild den Namen gibt, liegt über dem Austritt des Matscher Thales in das breite üppige Brachfeld, welches die Etsch durchströmt. Erbaut soll sie vor uralten Zeiten von den Bischöfen von Chur sein. Später saß darauf ein eigenes Geschlecht, welches im Anfang des 14. Jahrhunderts ausstarb; diesem folgten die mächtigen Vögte von Matsch, reich an Gütern im Vintschgau und Engadin, auch Schutzherrn des Stiftes Marienberg, das sie indeß oft mehr bedrängten, als die schlimmsten Feinde. Die Geschichtsschreiber wissen viel von ihren Händeln zu erzählen. Außer der schönen Aussicht, welche die Fenster der Burg gewähren, ist der Waffensaal interessant; auch wird der Reichthum des Archivs gerühmt. Unten, das Thal hinab, sind Glurns und Mals sichtbar. Ersteres ist ein hochbetagtes Städtchen, mitten im Feld, von Mauern umschlossen und blühenden Gärten umgeben. Noch mehr ist der Flecken Mals ein malerisches Durcheinander von hohen Häusern, verfallenen Mauern, römischen Trümmern, mittelalterlichen Thürmen, uralten Kirchen, Kornfeldern, Wiesenmatten, lebendigen Hecken und Obstgärten. Es hat bereits ein italienisches Aussehen und man spricht von großen Reichthümern, die der venetianische Handel dort zusammengetragen. Eine Stunde davon liegt das reiche Benediktinerstift Marienberg. Ein anderer weithin sichtbarer Schmuck des Thales sind die beiden prächtigen Schlösser, die rechts an einem hohen Abhang über einander stehen, die Burgen Botmud und Reichenberg. Sie sind auf den Grundmauern eines großen römischen Kastells erbaut. Wer nach Meran geht, versäume nicht den lohnenden Ausflug nach dem Vintschgau. –

Die Ortlesspitze ist Anfangs dieses Jahrhunderts zum ersten Mal bestiegen worden. Erzherzog Johann hatte eine Belohnung dafür ausgesetzt, und manche der anwohnenden Nachbarn versuchten ihr Glück, beschämt aber kehrten sie jedesmal heim. Erst 1804 am 26. September unternahm ein Passeier Gemsjäger, Bichler, das Josele genannt, das Wagniß mit Erfolg. Mit noch zwei Männern aus dem Zillerthal erreichte er denselben Tag die höchste Spitze des Ortles und langte glücklich im Thal wieder an, wo sie von den bestandenen Schrecknissen genug zu erzählen hatten. Im folgenden Jahr bestieg der Botaniker Gebhard die Spitze dreimal und maß