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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Wem tritt nicht beim Lesen dieser Ueberschrift das grandiose Bild jener Völker-Windsbraut vor die Seele, die, aus den unermeßlichen Steppen Central-Asiens hervorwirbelnd, die großen tausendjährigen Reiche der alten Welt entwurzelte wie morsches Rohr, die Herrschaft des Halbmonds vom Ganges bis zur Wolga trug, asiatische Kultur und asiatischen Glanz über zwei Welttheile verbreitete und die Namen eines Dschingis-Khan und Tamerlan zum Schrecken aller Throne und Nationen machte. Das durch’s Schwert zusammengefügte unermeßliche Völker-Konglomerat, größer als das Reich Alexanders des Macedoniers, ist in seine Atome zerfallen, sobald der starke Arm seiner Eroberer zu Staub geworden, und die seitdem darüber hingegangenen drei Jahrhunderte haben nur noch in Knechtschaft und Sklaverei die unvertilgbaren Spuren der Pracht, den Typus der Sitten zurückgelassen an den Stätten, wo sie ehedem die alleinige Herrschaft verkündeten. Die jetzt russischen Gouvernements Krim, Astrachan, Kasan sind solche Stätten.
Letztere heißt jetzt noch die Tataren-Stadt, obgleich sie kaum ein einziges hervorragendes Erinnerungszeichen an ihren fremden Ursprung bewahrt hat, den Gegenstand unseres Bildes, den Thurm der unglücklichen Königstochter Sambeka vielleicht allein ausgenommen. Kasan bietet beim ersten Anblick eine ganz russische Physiognomie dar. Auf Hügeln erbaut, einen Berg mit seinen größten und prachtvollsten Bauwerken krönend, mit seinem weitläufigen Kreml, seinen Kathedralen und Kirchen, hohen Glockenthürmen und glänzenden Kuppeln, mit einer zweiten Stadt zu seinen Füßen, einem trägen, breiten Strom, dessen mäandrische Krümmungen seine Seiten umschließen, mit Triften, Felsen, Landhäusern, lachenden Dörfern und schattigen Gärten in der Umgebung, erscheint Kasan wie ein Reflex von Moskau, dem moskowitischen Moskau, so eigenthümlich und fremdartig und so reizend und malerisch zugleich. Und dennoch bleibt Kasan die Tataren-Stadt. Das ist’s gerade, daß man eine russische Stadt sieht und an die tatarische Stadt glauben muß, daß in der Phantasie
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/122&oldid=- (Version vom 5.1.2026)