Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/126
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
|
|
und dem rothen Kreuz auf weißem Grunde. „Laßt sie kommen“, antwortete der Tatar, „wir sehen nicht zum ersten Mal Moskowiten unter unsern Mauern. Immer noch haben sie Niederlagen und Hohn mit ihren Angriffen geerntet, sie mögen kommen; das Fest ist bereitet, der Waffentanz kann beginnen.“ Die Armee stand noch sechs Werst von Kasan. Zwei Tage lang schifften sie ihre Geschütze aus. Ueberläufer sagten aus, daß Kasan von nur 30,000 Tataren vertheidigt sei. Es war der 23. August. Mit Sonnenaufgang rückte die Armee schweigsam in Schlachtordnung vor. Kasan enthüllt sich ihren Blicken in seiner ganzen glänzenden malerischen Gestalt. Die zahlreichen Moscheen, Minarets, Paläste leuchten über den starken Bastionen hervor, welche die Stadt umgürten. Der Czar gebietet Halt. Unter schmetternden Fanfaren entfaltet sich der Banner des rechten Glaubens; Alle steigen von den Pferden, die Priester sprechen die Weihe aus über die Fahnen und Waffen und vollenden die feierliche Messe. „In deinem Namen, Herr, laß uns diese Ungläubigen besiegen!“ betet laut der Czar. Es wird zum Angriff geblasen. 7000 Strelitzen stürzen sich tollkühn auf die Bastionen. Da erfüllt das Kriegsgeschrei der Tataren die Luft; feindliches Fußvolk und Reiterei ergießen sich aus den geöffneten Thoren und nach einem blutigen Gemetzel werfen sie die Angreifenden zurück.
Die Belagerung wurde langwierig; die Beschwerden im Russenlager häuften sich. Sturm und Regengüsse verwandelten die Umgebung der Stadt in Morast, zerstörten die Zufuhr von Lebensmitteln auf dem Fluß, Hunger und Krankheit drohten, glückliche Ausfälle der Tataren decimirten die Mannschaft, und jählings über die feindliche Ebene von Arsk hereinbrechende Reiterhaufen, welche in dem angrenzenden Wald sichere Schlupfwinkel fanden, beunruhigten Tag und Nacht das Lager. Dennoch schritt das Werk der Belagerung in Ordnung vor; 150 grobe Geschütze unterhielten aus den Laufgräben das Feuer auf die Stadt. Die Erbitterung wuchs auf beiden Seiten und wurde durch tägliche Waffenthaten genährt. Sturm und Wetter kämpfen mit auf der Seite der bedrohten Stadt; täglich bei Sonnenaufgang erscheinen tatarische Zauberer auf den Wällen und rufen die verderblichen Elemente herbei. Selbst unter den Russen wird der Glaube wach, die Gnade des Höchsten sei ihnen entgegen, und Entmuthigung und Verzweiflung ergreift auf’s Neue ihre Reihen. Da sendet der Czar nach Moskau und entbietet den Patriarchen der Kirche mit dem Allerheiligsten ins Lager. Vor ihm erlahmt die Macht der Zauberer und das wunderthätige Kreuz verscheucht den Zorn vom Angesicht des Himmels. Muth und Vertrauen kehren in die Gemüther der Russen zurück. Sie erbauen einen ungeheuren beweglichen Thurm, den sie mit 60 schweren Kanonen bewehren und von dem sie den Tod mitten in die Straßen und über die Wälle schleudern. Der ungebeugte Muth der Besatzung jedoch spottet jeder zu ihrem Verderben ersonnenen Vorrichtung. Mehr als eine Mine hatte schon weite Breschen in ihre Wälle gelegt, mehr als ein hartnäckiger Kampf war um dieselben entbrannt, aber stets behaupteten die Tataren den
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/126&oldid=- (Version vom 5.1.2026)