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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Sie fielen Alle, die Waffen in der Hand; die eroberte Stadt brannte an allen Ecken und das Blut der Erschlagenen überschwemmte die Straßen.
Der Czar dankte dem Himmel für den Sieg und errichtete selbst das erste Kreuz vor dem Hauptthore, als dem Platz für den ersten christlichen Tempel in der gefallenen Tatarenstadt.
Das Schwert der Russen vermochte wohl die großen Tatarenreiche zu stürzen, aber lange noch blieben die Tataren, wenn auch unter russischem Scepter, die dominirende Nationalität in den Wolgaländern, und schwerlich dürfte es je dem russischen Einfluß gelingen, diesen von Natur und Rechtswegen Asien angehörenden Gebieten den europäischen Stempel aufzudrücken. Das Völkergemisch asiatischer Abstammung, welches hier wohnt und wandert, ist wunderbar. Tschermissen, Tschuwachen, Kalmücken und Tataren leben neben und durcheinander, jeder Stamm in seiner eigenen Beschäftigung, seiner eigenen Kultur, seiner Religion, Sitte, Eigenthümlichkeit, ein jeder auch in seiner eigenen Art von Macht, Ansehen und Reichthum: die Tataren namentlich, deren noch an zwei Millionen in diesen Grenzländern wohnen, scheinen sich durch einträglichen Handel für den Verlust ihrer Unabhängigkeit zu trösten. Der Verkehr mit den Kirgisen, der Bucharei und China, der jährlich viele Karawanen und unzählige Kameele in Bewegung setzt, die prächtigen Bazare in Kasan und den übrigen großen Stapelplätzen der Wolga von Nijni-Nowgorod bis hinab nach Astrachan sind in ihren Händen. Von der Bedeutung des Waarenumsatzes auf ihren Messen und dem bunten Menschen-Chaos, welches hier zusammenströmt, hat man in Westeuropa keinen Begriff. Was die Manufakturen des Moskowiter-Landes liefern, was über Petersburg oder Archangel von dem fernen Westen kommt, die Stapelprodukte Sibiriens und der chinesische Thee, Alles sammelt sich auf einem Markt. Hier sind Tuch- und Baumwollen-Ballen, dort die Metalle des Urals, hier das Pelzwerk von tausenden von Quadratmeilen gesammelt, dort Leder und Häute zu Bergen aufgestapelt, dazwischen die kostbaren persischen Kachemir- und Seiden-Stoffe; wer könnte die Erzeugnisse der entlegensten Zonen alle aufzählen, die hier die großen Magazine füllen! Den Werth des Umsatzes auf einer einzigen solcher Messen schätzt man auf über 100 Millionen Rubel. Auch die meisten Fabriken des Landes von Tuch, Leder, Seife werden von Tataren betrieben. Ein freieres, obwohl an Erwerb von Reichthümern Jenen wenig nachstehendes Leben führen die nomadisirenden Stämme dieses Volks; sie wohnen in Zelten, bilden Horden mit eigener Verfassung, eigenem Adel und haben sogar noch eigene Fürsten, kennen das Joch russischer Leibeigenschaft nicht und treiben Viehzucht in großartigstem Maßstab. Der Besitzstand eines wohlhabenden Zelt-Tataren wird nach
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 118. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/128&oldid=- (Version vom 5.1.2026)