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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Hunderten von Kameelen, Tausenden von Pferden, Zehntausenden von Rindern und Hunderttausenden von Schafen gezählt. Man sieht, in welcher Ursprünglichkeit sich diese Steppenvölker, welche die Pforten Asiens noch von der Zeit her bewohnen, als sie die Welt zu erstürmen hier durchbrachen, bis zum heutigen Tag bewahrt haben; dabei halten sie streng am Koran und verschmähen jede Wissenschaft und Bildung, die über das Wort ihres Propheten hinausgeht.
In den Städten, wie Kasan, ist die Tataren-Bevölkerung in ein besonderes Viertel, Slobode, verwiesen. Die eigentliche Stadt, und darin gleichen sich alle Wolgastädte auf ein Haar, ist ein Gemisch von asiatischem und moskowitischem Styl. Neben schlanken und zahlreichen Minarets der Moscheen erheben sich die zwiebelförmigen, vergoldeten Kuppeln der Kathedralen, neben den grauen Mauern und Thürmen des weitläufigen Kreml die neuen weißen Façaden der Kasernen, breite schöne Straßen und winkliche, in Staub oder Sumpf erstickende Gäßchen, düstere Klöster auf entlegenen Plätzen und geräuschvolle Karawansereien, prächtige Paläste und reich ausstaffirte Bazars neben elenden Erd- und Lehmhütten, neben dem schwarzen französischen Frack und der russischen Uniform die malerischen Trachten der Tataren, Perser, Türken, Armenier, wie auf einem Maskenball so bunt, und dies nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Gesellschaftszimmern der Vornehmen, bei den Reunions der hohen Beamten und auf den offiziellen Festen.
Von hervorragender Wichtigkeit für intellektuelle Interessen ist die Universität, eine Schöpfung des Kaisers Alexander. Mit großem Verständniß hat er gerade nach Kasan einen Lehrstuhl verlegt, um die Studien der orientalischen Sprachen und Wissenschaft zu betreiben, und keine Universität der Welt kann an Ansehen und Erfolg in dieser Richtung mit Kasan verglichen werden. Nicht nur daß die Professoren selbst gelehrte Mongolen, Perser, Türken, Armenier, Tataren sind, welche ihre Sprachen und Literaturen lehren, auch die Studirenden kommen hier täglich mit Orientalen aller Himmelsstriche in Berührung, werden heimisch bei ihnen und bereisen dann mit um so größerem Erfolg die Heimathländer jener Völker. Die Universitäts-Bibliothek ist die reichhaltigste an orientalischen Handschriften. Die übrigen modernen Institute und Etablissements, auf welche die Regierung große Sorgfalt verwendet, wie Sternwarte, Klinik, Arsenal, Schiffswerfte, Militärschule, wissenschaftliche Sammlungen, sind von großer Vollkommenheit und vortrefflich ausgestattet.
Ein eben so auffallendes als charakteristisches Ueberbleibsel aus der Herrschaftszeit der Tataren ist der Thurm von Sambeka. Die überall nachzulesende Geschichte seiner fürstlichen Bewohnerin ist eine jener episodenreichen Hofgeschichten, an denen Kasan zu Grunde ging.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 119. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/129&oldid=- (Version vom 5.1.2026)