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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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kann. Ist denn nur der nordische civilisirte Mensch für Naturschönheit empfänglich, oder erzeugt Besitz und Gewohnheit überall Gleichgültigkeit, und ist’s eine Selbsttäuschung, daß wir immer Das am meisten bewundern, was uns ferne ist, oder uns gebricht?
Im Zickzack zwischen hochwipfeligen, durch Weinreben mit einander verschlungenen Bäumen führt ein Weg aus der Gartenvorstadt in die Schlucht hinab, wo der Bach, über granitne Stufen sprudelnd, unter der hochgesprengten Brücke in die romantisch gewundene Felsenvertiefung hinab rauscht; ihm verbinden sich die schäumenden Wasserfäden, die zahlreich von der Höhe aus dem Gestein, von den Thalwänden herab rieseln und durch die Schatten der Myrthen- und Lorbeergehege erfrischende Kühle ausgießen. Hoch vom grün berankten Felsen schaut die Kaiserburg herab.
Innerhalb der Mauern ist das Citadellen-Parallelogramm wegen des beschränkten Raumes zwar großentheils mit Bauwerken und Wohnungen bedeckt, doch wechseln dieselben mit grünen Oasen ab; auch hier sprudeln überall Quellen aus dem Boden, und plätschernde Brunnen und offene Kanäle laufen durch die gepflasterten Straßen und ein starker, silberheller Strom stürzt zum großen Thor nach der Meerseite hinaus.
Um die vom Kardinal Bessarion geschilderte Pracht der Akropolis zu zeigen, führt ein derber Türkenjunge von neuem Styl, das heißt in zerrissener Jacke und nach Wein und Trinkgeldern gierig, den Fremden durch eine Doppelpforte und einen gekrümmten Thorweg zu dem amphitheatralisch aufsteigenden Palastrevier. Vergeblich ist der Weg und die Begleitung für Den, den noch die Hoffnung eines historischen Fundes hinauf geführt. Statt der einstigen Kaiserpracht, ihrer Leibwächter und Archonten, haben sich gerade die Armseligsten unter den einsässigen Türkenkanonieren in der Akropolis niedergelassen und von Gestrüppe und Schlingpflanzen ruinenartig umflochtene Wohnungen aus den Trümmern alter Herrlichkeit errichtet. Wie wäre da noch an die breite Treppe, an den Freskensaal, an die alte gold- und edelsteingefüllte Schatzkammer, an das Bücherhaus, an den hohen viersäuligen kaiserlichen Audienzpavillon oder an das Brautgemach der einst mit ihrer Schönheit den Orient entzündenden Prinzessin Katharina zu denken? In Fetzen gehüllte Weiber osmanischer Kanoniere schauen hohläugig aus vergitterten Fensteröffnungen verfallener Baracken auf den Giaur herab; des Schloßzwingers hat sich die üppigste Vegetation bemächtigt; Feigen, Wein, Epheu, Granaten, Eschen, Ulmen mit Schlingpflanzen und lieblichem Kolchisgesträuch aller Art wuchern in der Oede ungestört, bewohnen das Gemäuer und schauen durch Bogen und Korridore in die verlassene Burg hinein. Herbstlich klagt der Wind um die Ruine und der Wipfel einer hellgrünen Esche neigt sich wiederholt und melancholisch in dieselbe Fensteröffnung, durch welche einst der Großkomnene stolz und sorgenvoll auf die Frühlingspracht seines Kaisersitzes niedersah. Unwillkürlich stellt das ängstliche Gemüth Vergleiche an: Theben mit
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/139&oldid=- (Version vom 5.1.2026)