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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Im Jahre 1729 ließ sich ein Mister Borsuch mit einem Stück herrenlosen Gebietes belehnen, an einer Einbucht der Chesapeake Bay. Von ihm kauften die Brüder Carroll sechzig Acker zur Anlage einer Stadt geeigneten Landes für vierzig Schillinge, zahlbar in Tabak, das Pfund zu einem Penny. Das war der Anfang zu Baltimore, zum größten Tabakmarkt Amerika’s. Der Stadtplatz wurde mit einem Breterzaun umgeben, mit zwei Einfahrten für Wagen und einem Pförtchen für Fußgänger, und gleichzeitig wurde Vorkehrung getroffen, wie in den alten Urkunden noch zu lesen ist, daß diese stattliche Umfriedigung in gutem Stand erhalten werde. Getauft wurde die Stadt nach Lord Baltimore im Jahre 1755.
„Es war eine Lust“, so hebt die launige Beschreibung eines alten amerikanischen Chronisten an, dieses junge Baltimore kurz nach Beendigung des Unabhängigkeitskriegs zu sehen, so eingebildet, geschäftig thuend und affektirt wie ein frecher dickköpfiger Schlingel, mit feisten Backen und rundem muthwillig grinsendem Gesicht, so recht ein Bube in den Flegeljahren, überall aus Hosen und Aermeln herauswachsend trotz aller geöffneten Einschläge und Säume.“
„Market-Street hatte sich wie eine nürnberger Hornschlange, die aus ihrer Büchse schnellt, bis zur Kongreßhalle ausgedehnt, mit einer Reihe von niedrigen Holzhäusern, die Dächer im Zickzack auf einander folgend, eines vor, das andere zurückstehend, wie eine Fronte Bürgermiliz, mit vielen Lücken, Ecken und Bogen; einige dieser Gebäude waren blau und weiß, andere gelb bemalt; hier und da ein stattliches Brickhaus dazwischen, mit Fensterreihen wie ein Multiplikationsexempel, gelegentlich ein Hof oder Gartenraum davor, mit einer ehrwürdigen Akazie, unter deren Schatten Haufen von Schulbuben lärmten, zerlumpte kleine Neger, schmutzig wie die Essenkehrer, die um Kupferpenny’s spielten oder sich um Marbeln stritten.“
„In dieser Avenue zeigten sich aber auch die hohen Figuren unserer ehrwürdigen Matronen und ihrer reizenden Mamsells, steif und aufrecht einherstolzirend, wie die Holz- oder Pappfigürchen einer Puppenkomödie. Angethan waren sie mit kostbaren Brokat- und schweren Taffetgewändern, die sich zu beiden Hüften über hohe Reife ergossen, und eingezwängt in die zugehörige Schnürbrust, die oft ganz unglaubliche und wahrhaft gefährliche
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/141&oldid=- (Version vom 5.1.2026)