Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/144

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Taillen zeigten, mit Aermeln, welche bis in die Gegend des Ellbogens reichten, wo sie graziös Abschied nahmen und in einem Rad steifer Falten wie der Schweif eines Truthahns abstanden. Und wie vortrefflich standen ihre Gesichter zu solchem Aufzug, so stolz und würdevoll die einen, so rosig und witzig die andern, das Haar über ein Kissen nach hinten hinübergezogen, bis es die Augenbrauen in die Höhe schraubte, was einen wunderbar trotzigen und vornehmen Ausdruck verlieh, und dann in Wellen über die Schultern herabfallend. So trippelten sie einher, in bunten Schuhen, mit schiffartigen Schnäbeln über den Zehen und auf schwindelnd hohen, kunstreich aus Holz geschnitzten Absätzen; ihre thurmähnlich gebauten Hüte, mit hohen Federbüschen aufgezäumt, die aristokratisch bei jedem Schritt auf und nieder wogten, als gäben sie ihren Beifall zu erkennen zu dem bedächtigen Gang ihrer Trägerin.“

„Im Gefolge dieses guten Völkchens kamen die Beau’s und galanten Herren, welche die Ritterlichkeit ihres Zeitalters vertraten: Cavaliere von der alten Schule, in Stärke und Puder, meist von den eisernen Gentlemen der Revolution, mit lederbraunen Gesichtern, alte Lagerhelden, berühmt wegen ihrer langen Historien, frisch vom Feld heimgekehrt, mit militärischer Haltung, martialischen Mienen und den Teufel selbst herausfordernden Aufschneidereien, so rechte Prahlhansen, eben ausgeschirrt und sich die Manieren guten Tons anmaßend. Wo fehlt auch diese Art? Aber muntere Bursche, voll Leben und Lärmens, kecken herausfordernden Blicks und den Kopf im Nacken wie Kampfhähne; alle in dreispitzigen Hüten und Perrücken, in Röcken von den lustigsten hellsten Farben, großen Taschen über den Hüften, Breeches bis an’s Knie, gestreiften Strümpfen, großen Schnallen auf den Schuhen, halb bis auf’s Knie herabhängenden Stahlketten, mit Siegeln, fast so groß wie ein Kanzelboden, so schritten diese die Market Street entlang, mit ihren großen spanischen Rohren heftig auf das Pflaster schlagend, daß die kleine Stadt widerhallte. Die Corcombs unserer Tage sollen einmal so etwas zu Stande bringen!“

Man sieht, der alte amerikanische Chronist fand viel Gefallen an den Sitten der alten guten Zeit. Damals ward der erste Census veranstaltet und ergab für Baltimore eine Zahl von 1934 Seelen. Jetzt zählt es über 200,000 und nimmt an Größe und Bedeutung unter allen amerikanischen Städten die dritte Stelle ein. Seine Vorliebe für Monumente haben ihm den Beinamen der Monumental-City eingetragen. Ansichten der bemerkenswerthesten seiner Denkmäler sollen uns zu näherer Betrachtung dieser schönsten Stadt des Südens führen.