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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Eroberer dir zu Füßen legte, und als er mit leeren Händen heimkehrte, kehrtest du ihm höhnisch den Rücken und warfst dich an die Brust deiner siegreichen Feinde. Dann nahmst du den Tanz wieder auf mit den Bourbonen, aber bald von dem neuen Rausch ernüchtert, suchtest du im Bürgerkönigthum Ersatz für die eingebüßten Freuden. Statt deren wurde dir magere Kost zu Theil, und Handschellen wurden dir angelegt; du solltest ja reuig und tugendhaft werden. Ein Wahn war’s; in einer unbewachten Nacht warfst du den Feuerbrand in’s Dach deines Zuchtmeisters, und wieder ging’s zu den wüsten Gelagen der Republik und Anarchie, und wieder erkorst du dir einen Heros der Revolution zum Zuhälter, und nun? – prangst du im blendenden Hofkostüm des Empire Napoleon III., und jeder Tag fügt neue strahlende Juwelen in dein Diadem, und – du versprichst treu zu sein, so lange diese Sonne in verschwenderischer Gunst über dir strahlt und das goldene Füllhorn des Glücks seine Schätze über dich ausschüttet. Qui vivra, verra! Jedenfalls hat noch kein Herrscher von Paris den Zauberstab so sicher geführt, mit dem die Treue dieser Stadt beschworen werden soll, als Napoleon III. Die eisernen Fesseln, welche die vorhergegangene Dynastie so geschickt angelegt hatte, und auf deren Festigkeit sie so sicher vertraute, hat das unbändige Paris zermalmt, wie Eierschalen. Die goldenen Fesseln, welche sich jetzt unfühlbar um seine Glieder legen und sie schmücken, läßt es sich gerne gefallen. Es brüstet sich sogar mit ihnen, wie die griechische Sklavin am Parthenon, und so lange der Sold für seine Treue sich nicht schmälert, wird es Paris schwerlich einfallen, seinem Beherrscher nicht mehr angehören zu wollen und sich zu seinem Fußschemel zu erniedrigen. Darum sehe er zu, daß ihm die Steine nicht ausgehen, mit denen er sie schmücke; wer möchte sonst dafür einstehen, daß die geschmeidige Dirne ihm nicht zur wüthenden Erinnye werde und dieselben Steine, mit denen er sie geschmückt, aus den Fugen reiße und nach seinem gekrönten Haupte schleudere! denn so lange es Steine in Paris gibt, werden diese nicht aufhören, auf der Bühne der Weltgeschichte mit zu spielen.
Aber wozu solche Betrachtungen? Nur betrachten wollen wir das neue Paris. Prenez garde! ruft ein Gardien auf den Trottoir, der wie eine Schildwache uns plötzlich den Weg vertritt und auf die Straße auszubiegen ersucht; über unsern Köpfen hängt an vier Stricken ein bretterner Balkon, aufdem sich fünf oder sechs Burschen schaukeln, mit groben Pinseln und Farbtopf ausgerüstet, eine Façade tünchend. Von den Monumenten und Fronten der öffentlichen Gebäude wird die mißfarbige Kruste abgelöst, welche die wechselnden Jahreszeiten den Steinen angehaucht haben; die Statuen, sorgfältig gereinigt, schimmern im Weiß griechischen Marmors, junge kräftige Bäume verdrängen die altersschwachen oder kranken Stämme im Tuileriengarten, das Pflaster ist allenthalben aufgerissen, in der friedlichen Absicht, besseres zu legen, der Asphalt schäumt in den Pfannen und ergießt sich über die Avenuen der Elysäischen Felder, die Boutiquiers frischen die Farben ihrer Läden auf und vergolden ihre Firmen neu, die Kaffés poliren ihre Spiegel und Geräthe auf, jeder Concierge seine Thürklinke; überall
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/18&oldid=- (Version vom 2.1.2026)