Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/192

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Der Rhein bei Caub.




Zwischen Koblenz und Bingen fließt der Rhein durch eine lange, enge, von gewaltigen Felsen umstarrte Schlucht, in einem tiefen, von seinen ungestümen Fluthen selbst gegrabenen Bette. Hier war es zumeist, daß gepanzerte Männer diese Felsen erklommen, Burgen aufschlugen und dem freien Sohn der Alpen Zaum und Fessel anlegten. Alles, was auf seinen Wellen des Weges zog, wurde angehalten und mußte Geleit und Zoll bezahlen. Zu solchem Zwecke entstand auch der finstere, trotzige Zinnenbau, der aus der Mitte des Stromes dem zu Thal Reisenden entgegenstarrt, sobald er Bacharach im Rücken hat. Die alten Pfalzgrafen vom Rhein konnten von da am besten ihr verfluchtes Räuberhandwerk schirmen, und jedes nahende Marktschiff, jedes hinabtreibende Floß bewachen, daß es nicht unbesteuert vorüber gleite. Außer ihm, der Pfalz, wie er schlechtweg noch im Munde des Volks heißt, gab es im Mittelalter nicht weniger als noch 31 solcher Felsennester dort, von denen aus die Wegelagerei betrieben wurde. Desselben Wegs, wie die geplünderten Kaufleute und schwerbesteuerten Waarenschiffe, zog aber auch der nach Freiheit ringende Geist der Geschichte, stärker als jene Burgmauern. Mit den Städten im Bund, brach er die unwürdigen Fesseln und frei trug der Rhein wieder seines Stromes Bürde hinab in’s Land – bis Caub nur, denn dort bedeutet eine blau-gelbe Flagge, daß alle passirenden Schiffe bis auf diese Stunde noch Rheinzoll zu entrichten haben. Den „letzten Rheingrafen“ titulirt deshalb der Witz der Rheinschiffer den Herzog von Nassau.

Die Sage, welche in tausenderlei Gestalten diese Gegend des Rheins umschwebt, legt der Pfalz eine romantischere Bestimmung bei: Die Pfalzgräfinnen, oder gar die deutschen Kaiserinnen, was einige Male zusammenfiel, hätten sie bewohnen müssen, um ihres Stammes Nachfolger dort zur Welt zu bringen.

Das kleine Städtchen Caub ist mit seinen nach dem Rhein zugelegenen Häuserreihen auf eine alte Stadtmauer gebaut, was dem Ort vom Strom aus ein befremdendes Ansehen gibt. Der obere Theil der Mauer, auf den aus den oberen Stockwerken besondere Hausthüren hinausführen, ist zu einem Fußweg eingerichtet und heißt der Nothgang, weil bei oft plötzlich eintretender Wassersnoth nur auf ihm die Bewohner der Häuser sich retten können. Auch noch andere alte Städtchen am Rhein haben einen solchen Nothgang. – Die Burg über dem Städtchen heißt der Gutenfels.