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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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der ganzen Apenninenhalbinsel zu bahnen, – als der Franke Pipin des Papstes Hülfe zu seinen Zwecken bedurfte, die Longobarden schlug, ihnen seinen Günstling Desiderius zum König setzte, dem Papste das große Gebiet von Ravenna und Rom zu Lehn gab und sich selbst zum Patricius und Schutzherrn von Rom ernannte, – kurz, all das Unheil heraufbeschwor, an welchem noch heute Italien und mit ihm ganz Europa zu leiden hat: „die weltliche Macht des Papstes und die Dienstgefälligkeit seiner geistlichen Macht gegen die Könige“. Indeß besaßen weder der Papst noch die Longobarden wahre staatliche Selbstständigkeit: sie wurden von dem Franken beschützt und bewacht, sie hingen von ihm ab – im Jahre 759 gerade so, wie 11 Jahrhunderte später, im Blüthenjahre des neufränkischen Schlachtenruhms 1859.
Noch gehässiger wurde das Verhältniß unter Karl dem Großen. Als dieser nach seines Vaters Willen des Desiderius Schwiegersohn geworden war, zürnte Papst Stephan: „Die edlen Franken sollten sich nicht mit den stinkenden Longobarden besudeln.“ Die geistliche Mahnung machte Eindruck: Karl verstieß seine longobardische Gemahlin, eroberte das Reich ihres Vaters und setzte die eiserne Krone sich auf das eigene Haupt. Die Selbstständigkeit von Reich und Volk war dahin, aber auch die Italiens ging auf mehr als ein Jahrtausend in jener Weihnacht des Jahres 800 verloren, als das römische Volk dem fremden Herrscher jubelnd zurief: „Carolus Augustus, der von Gott gekrönte, große und friedebringende römische Kaiser! Ihm Leben und Sieg!“ – Diese „friedebringende“ Krone ist zwar für das deutsche Reich eintausend und sechs Jahre lang „Sinnbild der Einheit und Oberherrlichkeit in Europa“ gewesen, für die Völker Deutschlands und Italiens ward sie die Ursache unversöhnlicher Zwietracht und unsäglich blutiger Kämpfe, und an ihr allein wucherte das Papstthum zu jener Macht empor, welche dem Geiste aller Nationen durch Jahrhunderte die bleiernen Schwingen anlegte, die noch heute alles höhere Streben von Millionen niederhalten.
Als im Mittelalter in den Vasallen des großen „römischen Reichs deutscher Nation“ der Trieb der Selbsteinigkeit erwacht war, schlug derselbe die kräftigsten Wurzeln in der Lombardei: die lombardischen Herzöge zeigten sich dem Reiche zuerst entfremdet, die lombardischen Städte hegten den Trieb noch eifriger, und der steigende Nationalhaß der Italiener fand in den Kämpfen der Päpste gegen die Kaiser die mächtigste Stütze. Noch einmal tauchte, in der Mitte des 10. Jahrhunderts, das Hoffnungsbild eines einigen Italiens auf, als Berengar die augenblickliche Bedrängniß Deutschlands zur Ausbreitung seiner Herrschaft benutzt und den größten Theil der nationalstolzen Italiener für sich gewonnen hatte; weil aber das Volk Befreiung zugleich von der Tyrannei der Deutschen und der Uebermacht der Geistlichkeit forderte, so suchte letztere (besonders die lombardischen Bischöfe) Schutz beim Papste, und dieser beim Kaiser Otto I., der abermals der „römischen Krone“ den Sieg erkämpfte. Denn Kaiser, Päpste und Geistlichkeit waren immer einig, wenn es gegen das Volk ging.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/197&oldid=- (Version vom 7.1.2026)