Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/199

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Natur, und in gleichem Maße von der Feindschaft der Bewohner, die aus allen Schluchten lauerte. Dennoch gelang auch dieser Alpenübergang, und die Kraft des Heeres kam ungeschwächt der Macht der Lombarden entgegen. Das arme Susa erlag der Wucht seines ganzen Zorns, aber an Alessandria brach sich sein Siegeslauf und das Unglück verfolgte ihn nun Schlag auf Schlag, bis endlich sogar Heinrich der Löwe untreu ward. Im Schlosse zu Chiavenna war es, wo Friedrich Barbarossa die Kniee des stolzen Welfen umfaßte und ihn anflehte, ihn nicht zu verlassen, um des Reiches Ehre willen, in dieser seiner größten Noth, – derKaiser kniete vor dem Vasallen, bis seine Gemahlin, die schöne Kaiserin Beatrix, ihn vom Boden aufhob und sprach: „Gott wird Dir helfen, wenn Du einst dieses Tages und seines Hochmuths gedenkst.“ – Der Löwe zog ab mit seinem Heere; der Kaiser erlebte die Niederlage von Legnano und beugte sein Haupt unter den Frieden von Venedig. Und hier stehen wir denn wieder vor jenen vier rothen Steinen in der Vorhalle der Marcuskirche, wo die beiden gewaltigsten Männer ihrer Zeit sich zum ersten Male begrüßten. Jene Steine, welche wohl ebenso an den Frieden zwischen Kaiser und Papst, wie an den Sieg der Städte und den Triumph der Kirche erinnern sollten, liegen nun seit 1177 in ihrem Marmorboden. Wie viele Millionen sind darüber hingeschritten! Wie viele Fürsten und Denker, wie viele Priester des Herrn und Weise des Volks, wie viele Gebete und Thränen! Und wo wären Steine, welche lauter reden könnten für Fürsten, Priester und Völker, als diese vier rothen Marmorzeugen der Vergangenheit! Sie theilen eben das allgemeine Schicksal aller Propheten der Wahrheit: sie sind stumm für die Tauben und die Blinden sehen sie nicht.

Die Kaiseridee, der Gedanke einer Vereinigung der deutschen mit der italienischen Nation unter der römischen Kaiserkrone, war übrigens im Mittelalter den intelligenteren Geistern Italiens weder so fremd, noch so verhaßt, als die Gegenwart es hinstellen möchte; sie gehörte zur Papstidee: man konnte sich keine der beiden Gewalten ohne die andere denken, und der italienische Nationalstolz fand eine Linderung des Drucks der kaiserlichen Krone in der Thatsache, daß die päpstliche Tiara sein eigen sei und gleichmächtig über Deutschland walte. Solche Anschauungen herrschten freilich nur in den edelsten Geistern und im Volke; dagegen hatte bei dem das Volk beherrschenden und führenden Adel und Klerus, bei den hochmögenden Geschlechtern und den Vielvermögenden ohne Geschlecht, die Kaiseridee eine nur praktische Handhabe: man war dem Kaiser nur so lange Freund, als man einen Feind fürchtete, und da Italien das Land der Bürger-, Städte- und Familienkriege ist, so hielt eine Partei der dynastischen und hierarchischen Häupter immer zu der Krone, die sie alle haßten. Wie die wahrhaft Edlen des Volks dachten, bezeugen Dante’s Worte, in denen er über die trostlosen, ehr- und habgierigen Zwiste, Ränke und Kämpfe der Parteien seines Vaterlands und über die Pflichtvergessenheit seines Kaisers Albrecht I., des habsüchtigen Habsburger, zürnt, und dem er ins Fegefeuer nachflucht: