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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Jedes Frühjahr findet diese Gesellen wieder in der Wildniß bei ihren Aexten, der ganzen Habe, welche ihnen das lustige Leben in der Stadt übrig gelassen hat. Aber kehren wir zur Gesellschaft auf der Veranda des Hotels zurück, wo sich mittlerweile noch andere Passagiere vom Dampfboot eingefunden haben. Die Unterhaltung ist lebendiger geworden; es wird gefragt, erzählt, getrunken, geflucht. Da ist ein Pelzhändler, der war vor 3 Monaten in St. Louis an Bord des Spread Eagle gegangen, eines der kleinen Dampfboote der amerikanischen Pelzkompagnie, und auf diesem Schiffe von starker Maschinenkraft und sehr geringem Tiefgange 3120 engl. Meilen stromaufwärts gefahren. Er war bis 20 deutsche Meilen von den Quellbächen des gewaltigen Columbia gelangt, der seine Wasser in das stille Meer ergießt. Und diese ganze Reise zu Berg und zu Thal hatte nur 72 Tage gedauert. Noch nie zuvor hatte ein Dampfer den Strom so hoch hinauf befahren. Kein Wunder, daß der Mann Vieles und Interessantes erzählen konnte, was er in den wenigen Monaten erlebt hatte. Mit besonderer Laune schilderte er das Erstaunen der Dickbäuche, Krähen- und Schwarzfüße, wie sie nach dem Strom geeilt wären, um das wunderbare Feuerschiff zu sehen. „Unter den Rothhäuten weiß ich besser Bescheid“, fällt ihm da ein Kentuckier in’s Wort, ein Mann des Gebirgs, sechs Fuß in seinen Strümpfen messend. Er war einer jener Trapper, die weit und breit die Felsengebirge durchstreifen, um auf Rauchwild, namentlich Biber, Jagd zu machen. Dieses Gewerbe lockt ihn in die entlegensten Schluchten und erst nach Monaten einsamen Wanderlebens, wenn er den Ertrag seiner Jagd an den nächstgelegenen Posten der Pelzhandelsgesellschaft abliefert und sich mit neuem Bedarf für die Wildniß ausrüstet, sieht er weiße Menschen wieder. Er wird durch solche Lebensweise selbst zum halben Indianer, nimmt sich wohl auch ein rostbraunes Weib und kehrt nur nach Jahre langen Zwischenräumen in die Staaten zurück, damit ihm die Welt von seiner Farbe nicht ganz unkenntlich werde. So begegnen wir ihm im City-Hotel zu St. Joseph. Seit 7 Jahren hatte er seinen Bart nicht geschoren gehabt; jetzt aber stand er da mit glattem Kinn, in schwarzem Frack und Seidenhut; seine Lederhosen und weißen Mokassins waren bei Seite geworfen, um für kurze Zeit der geschmacklosen und unbequemen Tracht der Civilisation Platz zu machen. Aber schon klagt er, daß er die Städte und ihr lärmendes Treiben satt habe und in wenigen Wochen wieder heimkehre zu seiner Squav, die im Gebirge seiner harre, und zu seinen Biberfallen. Ein unwiderstehlicher Drang treibt diese halbverwilderten Menschen aus der civilisirten Gesellschaft in die Wildniß zurück, sobald die Ersparnisse von Jahren in raschem Saus und Braus vergeudet und neuer Schieß- und Jagdbedarf eingekauft sind. Die Rede kommt auf den Fluß. Der Eine verwünscht das gefährliche Fahrwasser, das in jedem Monat ein anderes ist: „erst gestern habe er einen halben Tag lang auf einer Sandbank festgesessen“, denn über Nacht oft schieben sich an den vorher tiefsten Stellen Bänke von Sand wie Schneewehen, Baumstämme und Steingeroll vor, die den erfahrensten Schiffern täglich neue Gefahr drohen. „Ihr solltet aber auch einmal da oben in den Rocky-Mountains
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 195. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/205&oldid=- (Version vom 8.1.2026)