Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/210
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
|
|
St. Joseph gehört zu jenen Städten, welche rasch zur Blüthe gelangt sind, und denen eine große Zukunft in Aussicht steht. Auf der Eisenbahn legt man die 206 Meilen von Hannibal binnen zwölf Fahrstunden zurück. Sie führt durch eine fast ganz ebene Gegend, zumeist durch offene Prairien und ein noch sehr spärlich besiedeltes Land; auf der ganzen, mehr als 40 deutsche Meilen langen Strecke gewahrt der Reisende nur drei größere Ortschaften, die eigentlich auch nur erst Dörfer sind: Palmyra, Bloomington und Chilicothe. Die Wiesen findet man überall mit üppigem Graswuchs bedeckt, und nur an einigen wenigen Stellen sind sie vom Pfluge berührt worden; häufig sieht man kleinere oder größere Gruppen von Bäumen und einzelne Wälder; die Ufer der Flüsse und Bäche sind mit Ulmenbüschen und Walnußbäumen eingesäumt, und wenn hier große Strecken, des trefflichen Bodens wegen, sich zum Ackerbau eignen, so sind dort andere zu einem Betriebe der Viehzucht im großen Maßstabe wie geschaffen.
Die Lage derStadt, zu welcher die Bahn durch eine solche Prairiegegend führt, überrascht durch ihre Anmuth und Lieblichkeit; sie ist ohne Frage eine der freundlichsten Städte im Westen und hat weit und breit ihres Gleichen nicht; die zum Theil bewaldeten Uferhügel, die sogenannten Bluffs, erreichen hier eine beträchtliche Höhe; der Missouri macht einen großen Bogen und in dieser Einbiegung erhebt sich die Stadt in einer gut angebauten Gegend. Vor zwei Jahren zählte St. Joseph kaum 7000 Einwohner, heute übersteigt die Ziffer schon 10,000 und Alles ist in rüstigem Fortschreiten. Die Straßen sind zweckmäßig angelegt, die Zwischenräume füllen sich, die Holzgebäude machen steinernen Häusern Platz, und die Gasbeleuchtung ist allgemein. Es freut uns, unsern Lesern sagen zu können, daß die 3000 deutschen Einwohner sich durchgängig in Wohlstand befinden und über dem Nützlichen das Schöne nicht vergessen. Sie pflegen treu das deutsche Lied, als einen Hort unserer Volksthümlichkeit, doppelt werth zu halten in fernen Landen; sie haben zwei Gesangvereine und einen Verein für Instrumentalmusik, die Jugend zählt rüstige Turner in ihrer Mitte, und auch eine deutsche Zeitung fehlt nicht.
Wie Mancher, dessen Wiege am Rhein oder im thüringer Walde gestanden, hat in St. Joseph, von einem der Uferhügel, welche die Stadt krönen, seiner alten Heimath sehnsüchtig gedacht! Jetzt ist er in ganz neuen Verhältnissen und Umgebungen. Die Sonne geht ihm unter auf den weiten Wiesenflächen von Kansas, die bis an den Fuß der Felsengebirge reichen. Er sieht Schaaren vorbeiziehen, welche dort in den neuentdeckten Goldgruben edles Metall suchen wollen. Viele Tausende sind schon, allem Unwetter Trotz bietend, im vorigen Spätherbst aufgebrochen, um eine Strecke von 300 Wegstunden über die unwirthliche Prairie zurückzulegen und die ersten am Platze zu sein; noch mehr Tausende sind ihnen im Frühjahre gefolgt. Dem seichten Plattefluß entlang bezeichnen Menschengerippe und Thiergebeine den Pfad, welchen die Karawanen genommen haben, aber durch diese Warnungszeichen läßt der goldgierige Abenteurer sich nicht abschrecken, sondern dringt, oft unter Noth, Hunger
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 200. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/210&oldid=- (Version vom 9.1.2026)