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Ich kenne die Ora. Es ist der Wind, der jeden Mittag in der italischen Ebene sich aufmacht und des Südens Grüße, milden Hauch und Wohlgerüche über den See zu den Alpen und ihren Bewohnern trägt und freundlich die Schiffe voll goldener Früchte hinaufsendet zu den wilden, schroffen Gestaden des Nordens. Und der Sover ist des Nordens Gegengruß, der um Mitternacht in den Felsgründen erwacht und an das Ufer eilt, um mit seinem frischen Athem die Schiffe voll Maultrommeln aus dem Hafen von Riva zu blasen und mit ihnen auf breiten Schwingen, die von den Brescianer Alpen bis zum Monte Baldo reichen, der lockenden Riviera entlang nach Süden zu fliegen, über Sermione hin, wo er so oft den Lorbeer auf Catulls Lieder streute, und in der blühenden Ebene zu verwehen. Das sind die Beiden, von welchen Dante’s Orakelspruch erzählt.

Es gibt wenige Seen, welche dem Gardasee an Schönheit gleichen und an Reiz für jeden Fremdling, er mag am Nord- oder am Südgestade das Schiff betreten. Der Wanderer vom Norden schwärmt schon in Riva, dieser Uferstadt Wälschtyrols, in der Luft Italiens, aber noch umragen ihn die Riesenhäupter des deutschen Gebirges, dessen Thäler und Schluchten ihn an den See führten. Hier aber öffnet sich dem Blicke das Bild des Südens, der über den See herübergrüßt, und je weiter der Dampfer oder das auf der ewig klaren Fluth hinschwebende Segelschiff vordringt, um so weiter treten erst die Ufer, dann die schroffen Felswände zurück, bis endlich die Wasserfläche in einer Breite von drei Meilen sich ausdehnt, die Berge zu Hügeln geworden sind und zuletzt Fluth und Ebene in einander übergehen. Und welche Bilderreihe steht an den Ufern vor uns! Die Hoheit des Monte Baldo mit seinen Wänden, Buchten und Wasserfällen, und mit den Gardafelsen und der Stadt zu Füßen, welche dem See den Namen gibt; und ihm gegenüber, am Westgestade, die prächtige Felsenreihe bis zum Monte Fraine und zum Busen von Gargnano, an welchen die freudestrahlenden Orte Viella, Bogliacco und San Pietro sich so verliebt anschmiegen, daß sie dem Auge des Vorüberfahrenden wie eine Häuserfamilie erscheinen; und dazu auf dem Schiffe im blinkenden Pokale den feurigen Vino santo von den Nebengeländen des Ufers: wahrlich, in immer höheren Tönen jubelt das Herz und – immer fester ballt sich die Faust vor Ingrimm gegen die ruchlosen Verbrecher an der Menschheit, welche das von Gott geschaffene Paradies der Erde mit den Teufeln und Teufeleien ihrer Herrsch- und Habgier, ihres Ehrgeizes und ihrer Selbstsucht bevölkern und besudeln.

Pfui, wer wird den Wein verschütten! – Lassen wir uns wieder von der Ora einschmeicheln und zu dem Gegenstande unseres Bildes, hinauf nach Riva, tragen. Unterwegs fesselt uns eine neue Herrlichkeit: die Geheimnisse der Tiefe. Es geht da unten im See gar wunderlich zu. Die Schmiede Vulkans reicht bis an den Grund heran, nach Schwefel riechende Wasserperlen steigen aus ihrer Esse empor, und dies geschieht längs der ganzen Ostseite von Sermione. Aus der Nähe dieser höllischen Spende flieht das Leben des Sees, und nur der