Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/222
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
|
|
naturforschende Mensch dringt bis an die Pforte des Geheimnisses vor. Wir verlassen ihn und fahren weiter. Da regt es sich in der Tiefe wie eine Windsbraut unter’m See; während wir ruhig auf der stillen Fluth dahin schwimmen, unter ihr verfolgen die Wogen streng und hastig ihre Bahn der unsern entgegen. Das ist die Wasserströmung nach dem Sturm. So sinnig ist die Bewegung der Wasser, so ganz für den friedlichen Verkehr zwischen dem Norden und dem Süden geschaffen, daß die vom Sturme des Nordens nach Süden getriebenen Fluthen in der Tiefe wieder heim ziehen, um die geschäftige Oberfläche nicht zu beunruhigen; und gerade so machen es die Wasser des Südens, wenn sie vom Norden wieder heim kehren. Ich glaube, daß uns Dante’s Orakel immer verständlicher wird, bis auf die Netze und Scheeren, die Niemand versteht.
Mittlerweile ist der Naturforscher uns nachgekommen und ereifert sich, uns den wunderbaren See als etwas ganz Natürliches zu erklären, als einen ungeheuer großen, d. h. sechs Meilen langen und hie und da bei tausend Fuß tiefen Felsenspalt, in welchen oben, von den Alpen her, die Sarca hineinfließt und, nachdem sie ihn mit Hülfe von hundert andern Bergwassern total ausgefüllt, sich nach Italien begibt, wo sie, breit und hochmüthig geworden, sich ihres weiblichen Ursprungs schämt und als Mincio berühmt wird.
Riva liegt in der andern, der Sarcamündung entgegengesetzten Nordecke des See’s, der hier auch der See von Riva genannt wird. Trotz aller Erinnerung, daß wir hier eine Stadt des deutschen Bundes vor uns haben, begegnet uns doch allenthalben die italienische Art, weil auf die Gesetze der Natur sogar die Bundesakte keinen Einfluß hat und der deutsche Geist nirgends siegt, wo ihm die Flügel beschnitten sind. Nach der politischen Eintheilung gehört die Stadt Riva zum Kreis Roveredo, der gegen 7000 Einwohner zählt. Riva selbst liegt warm und schön zwischen dem See und den Bergen. Trotz der abseitigen Lage von der Heerstraße im Thal der Etsch überraschte es doch das Schicksal mit manchem harten Schlag. Ursprünglich römische Niederlassung, später Theil des Hochstifts Trient und diesem mehrmals in heftigen Kämpfen entrissen, erhielt es 1575 Stadtrechte. Die Pest verheerte es 1512 und 1522. Im Jahre 1703 zog sich der berüchtigte „bayerische Rummel“ bis hieher und zerstörte die Festungswerke von Riva. Die Einwohnerzahl der Stadt hat noch nie 5000 überstiegen. Die Lage erleichtert wohl Nahrung und Genuß, aber ohne der Vergrößerung des Orts günstig zu sein. Gegenwärtig ist Riva der Sitz eines Landgerichts, eines Dekanats, Mauthoberamts und eines Postamts. Die ansehnlichsten Gebäude sind das Schloß, ein Hieronymitanerkloster und eine Wallfahrtskirche. Das Gewerbsleben ist rege und umfaßt Seidenbau und Seidenspinnerei, Orangerien, Olivenölbereitung, Papierfabrikation, mehre Geschirrfabriken, Fabriken in Eisenwaaren (Maultrommeln allein werden jährlich in 12 großen Werkstätten über 800,000 verfertigt), Holzwerkzeuge, Stecknadeln, Stöcke, Sonnenschirme. Durch diese Geschäftigkeit hat Riva
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 212. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/222&oldid=- (Version vom 9.1.2026)