Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/228

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Meran.




„Maia, Meran! dir nähr’ ich mit Holz die Flamme des Herdes,  
Aber als theures Entgelt nehm’ ich die Mauern dir oft.“ 

Mit diesem ehrlichen Geständniß läßt Lertha, der Dichter von Kains, die wilde Passer das schöne Meran begrüßen, und sie deutet damit einen Theil von dem Schicksal an, welches dieser Stadt den Kranz äußerer Pracht und sorgloser Fröhlichkeit entrissen hat. Der andere, weit mächtigere Theil jenes Schicksals hat keinen Dichter gefunden, er fühlte sich wohl zu hart an, um in die zarte Form des Verses gegossen zu werden.

Auf unserem Rundgang durch die Wohnstätten der Menschen begegnet uns am häufigsten in ihrer Geschichte die traurige Thatsache, daß sie die gepriesenste Zeit ihrer Blüthe nicht innerer Kraft, sondern äußerer Gunst verdanken und daß nur allzuoft vom Wechsel ihrer Herren der Wandel ihres Glücks abhängt.

Wir blicken auf unser eigenes Leben und das unserer Lebensgenossen zurück und finden dieselbe Erscheinung. Unsere goldene und schönste Zeit, die Strecke, die jeder Mensch, und wäre es noch so kurze Frist, im wonnigen Luftstrom der Poesie dahin fliegt, fällt in die Jahre, wo Andere für uns sorgen. Da trägt sich noch der bunt geschmückte Hut harmlos auf dem Haupte, das sich unter den vollen Locken für frei dünkt und Wünsche und Hoffnungen mit dem Adler um die Wette fliegen läßt. Die Schranken, an welchen, die trotzige Stirn widerrennen wird, sind jedoch längst aufgerichtet, und die Minute des Erwachens aus dem bilderreichen Traum kommt für Jeden. Dann pocht es von jener andern Schicksalsseite an des Menschen Brust, und regt sich dort nicht die Kraft einer Stimme, welche trotzig zu rufen wagt: „Selbst ist der Mann!“ – so wird die zweite Lehrzeit nach jener der Schule, die Lehrzeit des Lebens, eine harte werden müssen, bis die Noth solch eine verwöhnte Seele erzogen und gefestigt hat oder sie bis zum Verkümmern erdrückt und – bricht.