Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/229

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

So ist auch die Jugendzeit der Städte. Es gibt solche, die früh zur Selbstständigkeit gereift sind, früh auf eigene Faust den Kampf begannen gegen jede fremde Beherrschung ihres Schicksals, trotzig auftraten nach oben und unten und im Schweiße ihrer Arbeit voll Stolzes rufen konnten: Selbst ist die Stadt! – Aber solcher Städte sind wenige. Sie sind Günstlinge der Natur, wie die ihnen ebenbürtigen Menschen Günstlinge des Geistes sind: dort half die Lage, hier die Anlage zur selbstbestimmenden Kraft. Auch über solche Städte ergeht des Schicksals Spruch, aber nicht Herrenlaune allein stürzt sie, wie nicht Herrenlaune sie gehoben hat, sondern der Arm des Weltgeschicks, dem selbst die größten Völker sich beugen müssen. – Noch heute bewundern wir die freien Städte des Griechenvolks als Vorbilder bürgerlicher Selbstständigkeit, und mit gleicher Achtung staunen wir noch heute die Denkmäler des bürgerlichen Reichthums an, welche sich in den großen Bauwerken der freien Städte des deutschen Reichs und Italiens erhalten haben; die Rathhäuser der alten Hanseaten allein würden eine Galerie freistädtischen Ruhmes bilden, und die Chronik Aller würde am Ende bekennen, daß nicht der Fürsten Macht und des Adels Gewalt es waren, die sie gebrochen, sondern daß eine neue Richtung des Weltverkehrs, Kriege, welche auch die Schlösser der Herren von ihrer Höhe stürzten, und die innere Zwietracht ihren Fall herbeiführten. Einem solchen Baume ist gleichwohl schwer an die Lebenswurzel zu kommen; es ist eine zähe Kraft, die sie am Leben erhält, und jede frische Wendung zum Völkerglück weckt die alten Triebe und schmückt die Aeste mit Blättern und Blüthen. Mailand, Magdeburg, Hamburg haben in ihrer Asche gelegen, nur ihre Wurzeln waren gerettet, und noch heute überragen sie an städtischer Würde Hunderte gewesener Residenzen weltlicher und geistlicher Gebieter.

Ein anderes Bild stellen uns die verhätschelten Städte vor, die von fürstlicher Huld groß gezogen und aufgeputzt worden sind. Wenn über sie die Wandlung der Herrenlaune kommt, wird ihr Anblick ein kläglicher, ja oft ein widerlicher. Die Hallen des Luxus stehen verwaist, und von ihnen aus greift es wie eine abzehrende Krankheit von Haus zu Haus, so weit die Sorge der Gunst sich erstreckt hatte. Da folgt dem Uebermuth die Klage, dem leichtsinnigen Schlemmen das trübsinnige Darben, der Gewohnheit des leichten Erwerbs die Faulheit des Trotzes und der Verzweiflung, und Gras wächst üppig auf den Schloßhöfen, Kartoffeln blühen zwischen den Götterstatuen der Prachtgärten und verdrossenes Volk läuft in den stillen, öden Straßen, bis die Frist eines mosaischen Wüstenzugs vorüber, ein Geschlecht vergangen und mit einer frischen Generation ein neuer Geist eingezogen, mit anderen Bedürfnissen ein anderes Streben erwacht ist. Wer aber in der Wüstenzeit lebte, hatte ein trauriges Loos.

Vom Schicksale der Städte haben die Völker gelernt, aber nicht alle. Praktischen Nutzen konnten nur diejenigen aus der Lehre ziehen, welchen das Bild eines Mannes am Gängelbande noch zu rechter Zeit lächerlich genug erschienen war. Und auch bei Ländern thut’s nicht die Einsicht und der Wille allein, sondern des Landes Natur