Seite:Meyers Universum 20. Band 1859.djvu/230
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
|
|
und Lage. Ueberall ist aber das Ziel des Ringens werth, denn kann des Menschen Herz und Auge sich etwas Herrlicheres wünschen, als den Anblick eines Volks, das sich die durch Geist und Muth, Fleiß und Bildung errungene Freiheit bewahrt? Und kann etwas Traurigeres die Erde tragen, als ein Volk, das, durch Geist und Natur zur Freiheit berufen, taub und träge dem uralten Zügel, den das verhärtete Gebiß nicht mehr fühlt, in einem uralten Kreise folgt, der nie vorwärts führt? Die Lehre breitet sich täglich mächtiger aus: daß keines großen Staates Macht mehr in derStärke der Gängelbänder besteht, sondern daß dieselbe lediglich in dem Maße wächst, als der Spruch: „Selbst ist das Volk!“ in ihr und unter ihrem Schutze zur Wahrheit wird.
Lieber Leser, begrüße dieses Bildchen besonders freudig, du siehst ja selbst: dort predigen die Berge den Muth und die Thäler das Glück, Gottes helle Sonne scheint auf beide, und in ihrem Strahle wandeln Menschen, an deren Bilde sich das Auge labt. Die Zeit wirft wohl ihren Schatten auch über dieses Thal, und zwar einen Schlagschatten, aber der Gegenstand, der ihn verursacht, ist ein Menschenwerk und der Vergänglichkeit unterthan, wie jene erste Blüthe Meran’s, die auch vergangen ist.
Einst erschallte in dem Thale mancher Trompetenstoß und viel Sang und Klang, als die Grafen von Tyrol hier Hof hielten und der Adel des Landes an den Halden des Hochgebirgs seine Burgen baute. Die glücklichen Freiherren des damaligen Tyrol wählten zur Gründung fester Wohnstätten früher am liebsten dieses Thal, nicht nur weil seine außerordentliche Schönheit die großartigste Alpennatur mit aller Lieblichkeit und Ueppigkeit des Südens vereinigte, sondern weil das nahe Italien ihnen nicht selten Gelegenheit zu Kampf und Beute bot. Daher drängen sich nirgends überraschender und malerischer die Trümmer der untergegangenen Ritterherrlichkeit in einem Raume zusammen, als in den beiden Thälern der Passer und der Etsch, die unweit Meran in einander übergehen.
Wandeln wir aber, ehe wir Thal und Stadt selbst betreten, erst eiligen Schrittes durch ihre Vergangenheit.
Die ersten Steine zu Menschenwohnungen sind vor mehr als tausend Jahren an diese Stelle des Passerthals getragen worden, und Meran lag wohl schon lange als ein unbedeutender Ort da, bis ein fremdes Unglück ihm zu seiner ersten Blüthe verhalf. Unweit von dieser Stätte prangte einst die römische Stadt Maja (Urbs Magiensis) am Fuße des ragenden Naifer, aber nur bis zum Anfang des neunten Jahrhunderts: da begrub sie der stürzende Berg im Schrecken einer Nacht lebendig unter seinen Trümmern. Meran ward der Erbe der Todten, und es wuchs nun, nachdem es an den Gaugrafen des Gebirgs gnädige Herren erhalten, in gleichem
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 220. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/230&oldid=- (Version vom 9.1.2026)