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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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nach dem atlantischen Ocean. Wer, der das Vorrecht dazu hat, kann umhin, mit Stolz auszurufen: Auch ich bin ein Amerikaner!“ – Dieses erste Boot trug Clinton und seine Gehülfen im Triumphzuge den Kanal hinab, unter dem Jubel eines freien Volkes, um dessen Wohlfahrt und Einigkeit sie sich so sehr verdient gemacht hatten, und an den festlich geschmückten Städten und Ortschaften vorüber, welche ihr großes Werk in’s Dasein gerufen hatte.
Der Kanal ist 78 deutsche Meilen lang[1], steigt und fällt 692 Fuß, ist auf der Oberfläche 40, am Boden 28 Fuß breit, 4 Fuß tief, mit 80 Schleußen versehen, trägt Fahrzeuge von 100 Tonnen und kostete 7,600,000 Dollars. In Rochester überschreitet der Kanal auf einem steinernen, 780 Fuß langen Aquädukt den Genesseefluß. Bei Lockport wird das Wasser des Kanals mittelst 5 doppelter Schleußen 76Fuß hoch gehoben und über eine Reihe Felsen hinweg geleitet. Diese Schleußen sind so ingeniös konstruirt, daß, während in der einen Reihe Boote hinaufsteigen, andere gleichzeitig durch die andere Reihe herabkommen. Es gilt dieses in 100 Fuß hohen Felsenmauern eingebaute imposante Werk als der größte, schwierigste und gelungenste Wasserbau der Erde.
Die Tragweite des Unternehmens in der Hebung des Verkehrs überraschte schon in den nächsten Jahren auch die sanguinischsten Erwartungen. Die höchste Berechnung der jährlichen Zolleinnahmen hatte man auf 150,000 Dollars jährlich angeschlagen, und die Einnahmen der ersten 10 Jahre überstiegen bereits 10 Millionen, mehr als das gesammte Anlagekapital. Alles Land auf beiden Seiten des Kanals stieg außerordentlich im Preis, die Ansiedelungen wuchsen zu Städten, Depots und Fabriken entstanden aller Orten, von nah und fern drängte sich die Bevölkerung, an der „neuen Verkehrsader“ sich niederzulassen. Rochester zählte 1822 bloß 1500 Einwohner, 1835 schon 15,000; Buffalo, der Ausgangspunkt am Eriesee, wuchs in demselben Zeitraum von 2000 auf 16,000 Seelen; die Bevölkerung von Albany und Newyork verdoppelte sich in denselben Jahren, und nur dem Eriekanal hat Newyork es zu verdanken, daß es zur Empire City wurde und das größere Philadelphia und Baltimore für immer überflügelte.
Unbegnügt damit, daß der verhältnißmäßig kleine Staat Newyork aus eigenen Mitteln und durch eigene Kraft den längsten Kanal der Erde gebaut hatte, fuhr es unermüdlich am Ausbau des projektirten Kanalnetzes[2] fort und hatte im Jahr 1839 190 deutsche Meilen Kanäle, auf denen jährlich über 100 Millionen Dollars Werth an Gütern sich bewegen. Obgleich während eines Dritttheils des Jahres (in den Wintermonaten) die Kanäle
- ↑ Der längste europäische Kanal (der von Languedoc) mißt nur 30 Meilen.
- ↑ Es umfaßt dasselbe, wobei wir auf die Karte verweisen, um sich über die Großartigkeit und Wichtigkeit dieser Verkehrslinien orientiren zu können: den Champlainkanal, mit dem Champlainsee, den Oswegokanal, mit dem Ontariosee, den Cayuga-Senekakanal, mit dem Senekasee, den Utika-Binghamptonkanal, mit dem Susquehanna die Verbindung des Eriekanals herstellend; ferner den Rochester-Danvillekanal, den Chamunykanal zwischen dem Senekasee und dem Fluß Tioga, den Crookekanal, die Seen Seneka und Crooke verbindend. Noch an 200 Meilen weitere Kanallinien sind im Bau begriffen.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 230. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/240&oldid=- (Version vom 9.1.2026)