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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Zeit, unsere Reflexionen zu beenden und der schweren Leidensgeschichte von Anfang bis zu Ende zu gedenken, welche die Perle des Mittelmeers so tief in Staub getreten hat, daß kaum mehr Spuren ihres Glanzes zu erkennen sind. Welche finsteren Gewalten konnten diesen Garten der Erde wüst legen und seine blühenden Städte entvölkern, welche dämonischen Mächte vermochten den milden friedlichen Sinn, der über die alte Welt Segen spendete, in gährend Drachengift zu verwandeln, dieses glückliche Inselvolk, gleich seiner Leidensschwester im Norden, „grün Erin“, dem Schicksal der Niobstöchter preiszugeben und dieses einstige Eden des Friedens zum Verderben drohenden Herd der Empörung und zum Schauplatz ewigen Blutvergießens zu machen? Ein Gang durch Siciliens Geschichte gibt die Antwort.
Sicilien, von den Kulturvölkern der alten Welt, Phöniciern, Griechen und Karthagern, kolonisirt und zu einem mächtigen Ackerbau- und Handelsstaat geschaffen, mit Wissenschaften und Künsten in herrlicher Ausbildung geziert, stand in seiner schönsten Blüthe, als es die Beute der eroberungssüchtigen Römer wurde. Diesen aber war Sicilien nur die reiche, einträgliche und nützliche Provinz, welche, wie Cicero’s Anklageakte gegen den raubgierigen Präfekten Verres sagt, „nicht nur die Kornkammer Roms und die Ernährerin des römischen Volks war, sondern dessen größte Heere kleidete, nährte und ausrüstete.“ In jenen Zeiten war die Insel überall angebaut und mit vielen blühenden Städten und Dörfern bedeckt. Ackerbau war stets die Hauptquelle ihres Reichthums, das bezeichnet deutlich ihr altgriechisches, durch alle Stürme der Zeit gebliebenes Wappen: ein Kopf mit drei Beinen und zwischen jedem eine Kornähre – die Gebirgszüge, welche Sicilien in drei Hauptthäler scheiden mit dem Symbol der überall herrschenden Fruchtbarkeit. Nachdem die Insel von den Römern fast sieben Jahrhunderte lang methodisch ausgesogen und verarmt, dann von den Vandalen erobert und verheert war, fiel sie unter die schlaffe Herrschaft der byzantinischen Kaiser, deren despotische und habsüchtige Statthalter ihren Ruin vollendeten. Nun erschienen die Araber, das gesittetste Volk des frühesten Mittelalters, herbeigerufen von einem Christen zur Unterjochung seiner Glaubensgenossen. Dieser Verrath aus Liebe gleicht der That, welche Spanien den Ungläubigen überlieferte. Euphemius, ein junger Grieche aus reicher und angesehener Familie in Sicilien, liebte die schöne Anna, die Tochter eines mächtigen Hauses, und wurde von ihr eben so glühend wieder geliebt, als er von ihren Verwandten gehaßt wurde. Als diese Anna hinter den festen Mauern eines Klosters verborgen hielten, drang Euphemius mit Gewalt in dasselbe ein und entführte die Geliebte in die Sicherheit einer seiner Felsenburgen. Anna’s rachsüchtige Familie wußte aber durch ihren Einfluß am Hofe zu Konstantinopel einen Befehl des Kaisers Michael, des Stammlers, an den Statthalter von Sicilien zu erwirken, dem Euphemius als Klosterschänder die Nase und dann den Kopf abhauen zu lassen. Euphemius, welchem nun nichts übrig blieb, als in offener Empörung sein Heil zu versuchen, ließ, unterstützt von Verwandten und Freunden, sich zum Kaiser ausrufen, flüchtete aber, der
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 243. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/253&oldid=- (Version vom 9.1.2026)