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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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und Gewohnheiten herab, wie sie eine durch ihre Lebensstellung bevorrechtete Klasse bei uns zu einem geregelten, durch Bildung aber veredelten Kultus erhoben hat. Der reichgewordene Yankee, nachdem er sich vom Geschäft oder der Politik, die er getrieben, zurückgezogen, hat nichts Eiligeres zu thun, als Europa zu bereisen, sich flüchtig nach allen Symptomen umzusehen, in welchen Reichthum und Luxus sich ihm offenbaren, nach Allem zu haschen, was ihm davon erreichbar scheint, und nach seiner Rückkehr mit den aufgelesenen Erfahrungen und Studien sein eigenes Leben eiligst herauszuputzen. So entstehen denn durch Vermittelung von theuer bezahlten Pfuschern und Charlatanen und aus eigener, ebenso bizarrer als lächerlicher Eingebung jene geschmacklos gebauten Paläste in den vornehmen Quartieren, jene weißen italienischen Marmorfronten mit den griechischen Portiken, die inneren Räume mit Werken der Kunst ausstaffirt, wie sie der Zufall, der Betrug und der Unverstand zusammengefügt haben, eine Tafel, besetzt mit den Erzeugnissen der pariser Küche und denen fremder Zonen, neben den Gourmandisen eines Schweinemetzgers, und namentlich ein stark nach Branntwein duftender Schenktisch. ImSalon bewegt sich eine Gesellschaft, angethan mit der feinsten Toilette nach letztem französischen Schnitt und der tölpelhaften Tournüre eines Omnibuskutschers, mit der lächerlichen Miene der vornehmen Suffisance und dem ungeschlachten Ton einer Matrosen-Unterhaltung; dabei hält der exquisite Parvenü eine Loge in der italienischen Oper, während er imErnst den burlesken Vorstellungen der Neger-Minstrels den Vorzug gibt, seine Tochter ihre Anbeter mit dem Yankee-Doodle am Piano unterhält, der sich wiederum in seinen Neigungen unabhängig fühlende Sohn den Ueberfluß seiner Revenüen am Spieltisch sich ergießen läßt, und Madame ihren Geschmack an einem silbergarnirten Viktoriawagen, mit scheckig livréeten Bedienten besetzt und einem selbsterfundenen Wappen bemalt, auf dem Corso der eleganten Welt zur Schau trägt. Der fashionable Mann hält sich, wenn er keine weniger noblen Passionen übt, Rennpferde, auf die er sein Geld verwettet, ist ohne Unterschied generös bei allen Anforderungen auf seine Patronage oder Mildthätigkeit, umgibt sich mit seinem Geschmack zusagenden und seine Eitelkeit ausbeutenden Freunden, die ihm mit dem Echo seiner eigenen Ueberzeugung schmeicheln, er befindet sich aus dem Gipfel des verfeinerten Lebensgenusses, während er in der That nur die Rolle des Affen in der Fabel spielt, welcher sich in Besitz der Stiefeln seines Herrn gesetzt hatte.
Diese Sucht, es den bevorzugten Kindern des Reichthums in allen Stücken gleich zu thun, hat auch einen Schatten europäischen Badelebens nach dem andern Ufer des Oceans geworfen, von dem namentlich Saratoga, das Baden-Baden von Amerika, einen deutlichen Ausdruck gibt. Es ist für den Europäer der Ausdruck der tödtlichsten Langeweile und der erschrecklichsten Einförmigkeit, denn, fehlt es auch nicht an einer zahlreichen Vertretung von Reichthum, Vergnügungssucht, Frauenschönheit und an bunter Mannichfaltigkeit nationaler und gesellschaftlicher Elemente, so gebricht es doch gänzlich an dem verwandtschaftlichen Band der Weltbildung und höherer Interessen, in
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/26&oldid=- (Version vom 2.1.2026)