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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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erzählt, ein neues Blatt mit einer ähnlichen Hofgeschichte auszufüllen bekommen, auch eines von einem glänzenden Hoflager des Königs und einem hohen Besuch aus England. Auch haben wiederum deutsche Fürsten, wie ehedem, bei edlem Johannisberger im neuen Bankettsaal patriotische Trinksprüche erschallen lassen und ein deutscher Erzherzog hat’s mit der Narrenkappe eines Reichsverwesers und Deutschland mit vielem Blut büßen müssen, daß jener die seitdem zehnmal zu Schanden gewordene, gekreuzigte und verhöhnte deutsche Einigkeit leben ließ. Ob damit die Chronik und der Beruf des neuen Stolzenfels zu Ende sein wird?
Mag es gefallen, wem es will, mir gefällt diese Liebhaberei an den Formen des Mittelalters, dieses Liebäugeln mit dem Schein des Feudalzeitalters, dieses Aufbauen, Restauriren und Herputzen alter gebrochener Burgen und Fürstenschlösser, auch selbst das Ausbauen alter halb fertig gelassener Kirchen und das Sammeln und Betteln von Dombauvereinen nicht. Unsere Zeit, die Wichtigeres und Ernsteres zu thun hat, lasse die Todten in ihren Särgen und treibe keinen unnützen Spuk mit ihren Gewändern. Laßt die Pessimisten unser Zeitalter der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, des Aktienschwindels und der Freigeisterei schmähen, so sehr sie wollen, laßt die Alten, – die schwarzrothgoldenen Träumer von Kaiser und Reich, – die gute alte Zeit wieder herbeisehnen, so lange sie wollen; wir sind froh, daß es eine überwundene Zeit ist, und die unsrige, die keine Burgen und Klöster mehr auf die Berge und an die Ströme baut, sondern Fabriken, Schulen und Armenhäuser in die Thäler, erkennt in der Förderung bürgerlicher Wohlfahrt doch wahrlich eine edlere Aufgabe, als jene in dem Recht, wehrlose Kaufleute zu plündern und die Wänste feister Mönche mit Gutes- und Blutes-Zehnten zu mästen. Deshalb scheint es mir, es ständen dem Rhein die alten ausgenommenen zerbröckelten Felsennester besser, als die schimmernden beflaggten Zinnen, und schaue ich vom Dampfboot, in friedlichem Sonnenschein und heiterer Gesellschaft, lieber durch die leeren Fensterhöhlen jener den lachenden Himmel an, als in die glänzenden Spiegelscheiben von Stolzenfels.
Mit Denjenigen, die anderen Geschmackes sind, steigen wir bei Kapellen aus und begleiten sie die breite Rampe hinauf zum Schloß. – Von der Seite des Berges führt ein Brückenbogen durch ein hohes, mit einem Fallgitter bewehrtes und von preußischen Wappenthieren und Steintrophäen bewachtes Thor in’s Innere. Wir begegnen überall dem sorgfältigsten Aufputz der zum Theil stehen gebliebenen und zu den Substruktionen verwendeten alten Mauern, in den meist ganz neuen Theilen aber der gewissenhaftesten, bis in’s äußerste Detail der Dekoration und inneren Ausstattung sich erstreckenden Nachahmung der alten stylgerechten Formen und Einrichtungen. Da vom Alter fast nichts mehr erkennbar ist, macht das Schloß den Eindruck eines im modern gothischen Fortifikationsstyl erbauten Castle, wie sie bei der englischen Nobility beliebt sind, immer angenehmer, als die Neues auf Altes flickenden Restaurationen à la Wartburg, deren Geschmacklosigkeit und Rohheit gerade so zu rügen ist, wie Klexereien mit frischen Farben in schadhafte Bildnisse alter Meister. Weniger dahin passend dürften deshalb
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/35&oldid=- (Version vom 2.1.2026)