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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Die kleinen Zuflüsse zum Susquehanna sind unzählig. An deren Ufer, 8 bis 10 Meilen stromaufwärts, werden die Materialien zu den Rafts (Floßen) gesammelt, bereit, mit dem ersten Thauwasser von Stapel gelassen zu werden. Ich selbst lebe an einem dieser kleinen Zuflüsse, 1¼ Meile von seiner Einmündung. Der Owaga rollt während der längsten Zeit des Jahres friedlich seine Wellen an meiner Besitzung vorüber, sobald er aber von dem Märzwasser anschwillt und seine Fluthen am höchsten gehen, kündigt sich durch wildes Geschrei und hämmerndes Getöse, das durch den Wald weithin wiederhallt, die Ankunft eines Floßes an, das mit einer Geschwindigkeit von 10 Meilen in der Stunde vorüberschießt, noch ohne Ladung, mit singenden verwegenen Gesellen bemannt, die Zweige, Bäume, Wurzeln, hunderterlei Hindernisse aus dem Fahrwasser zu räumen haben und ihre langen schweren Steuerruder mit einer Gewandtheit und Kühnheit handhaben, wie sie nur dieser Klasse Menschen eigen ist. Die kurzen scharfen Krümmungen meines bewaldeten Owaga sind wohl geeignet, das Geschick eines Steuermannes auf die Probe zu stellen, und keinen gefährlicherern Anblick gibt’s, als die schwerfälligen Ungeheuer auf dem reißenden Wasser, von einem Ufer zum andern im Kreise wirbelnd und wieder von der Strömung erfaßt, dahin rasen zu sehen, unter Schreien, Toben und Fluchen ihrer tollkühnen Bemannung. Im Dorfe unten am Fluß sammeln sich die Floße, nehmen Bretter, Schindeln, Fenzriegel und andere rohe Erzeugnisse des Waldes als Ladung, verproviantiren sich mit Mehl und Speck und erwarten die Wiederkehr einer Fluth. Ein Wetterdach, unter dem die Mannschaft sich ausstrecken kann, wird auf dem Deck aufgeschlagen, eine rohe Feuerstelle aus Erde und Steinen zusammengebaut, und nun, mit der nöthigsten Provision an Bord, aber so viel Whisky, als nur der magere Verdienst zuläßt, stoßen sie hinaus auf den Strom und von nun an heißt es: Vogue la galère! Die Burschen haben nichts mehr zu thun den ganzen Tag über, als sich dem Strome zu überlassen, zu singen, zu tanzen und der Reihe nach das Steuer zu führen. Sinkt die Sonne, so schauen sie sich nach einer offenen Bucht am Ufer um und legen an. Solcher geeigneten Lagerplätze gibt es nicht viele am Susquehanna, und Alle, die sich mit diesem Holz- und Flößereigeschäft abgeben, kennen sie. Deshalb ist, da es auf dem Fluß um diese Zeit von Floßen schwärmt, die Jagd nach einem guten Plaz, um das Fahrzeug am Ufer zu befestigen, stets eine Scene erhitzenden Wetteifers, des Streits und oft desperater Schlägerei. Wenn indeß alles für die Nacht geordnet ist, und die lustigen Feuer auf der langen Reihe der Flottille lodern und Wald und Wasser mit ihrem rothen Schein anleuchten, kommen die Bootsleute zusammen, setzen sich zu ihrem Whisky und erzählen einander die tausenderlei Geschichten ihrer Abenteuer und Gefahren. So Nacht für Nacht mit einander verkehrend, sich verwandt durch das gemeinsame Band derselben Beschäftigung, derselben Beschwerden und Fährlichkeiten, derselben Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, bildet diese ganze flößende Bevölkerung eine eng zusammengeschlossene Welt für sich, von einem Esprit de Corps beseelt, der leicht zu
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/64&oldid=- (Version vom 3.1.2026)