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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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zahllose Fälle, Bäche und Bergströme hinab, die, Kinder des ewigen Schnees und der Gletscher, theils jählings über die himmelhohen Abhänge sich stürzen, theils tosend und brausend ihre Bahn durch die wilden verstürzten Felsschluchten brechen, theils kokett über die weichen Matten rieseln oder anmuthig an sanften Thalgeländen und über helle Kiesel dahinrauschen. Es sind vier Hauptthäler, welche von den Ufern der Seen hinauf zum Kamme des Gebirges führen, daß der Aar (Haslithal), das von Lauterbrunnen, das Simmenthal und das von Grindelwald. Diese Thalgründe, an Charakter weit von einander verschieden, bezeichnen die eigentliche Physiognomie des Landes, wie die verschiedenen Furchen und Züge den Charakter eines Antlitzes, und sind die natürlichen Wege zu den wunderbar mannichfaltigen Reizen dieser gesegneten Natur. Das Haslithal, von der wilden Aar durchbraust, zeigt alle Schrecknisse eines tobenden Alpenstroms, alle Verheerungen von Bergstürzen und Lavinen, und führt in seinem oberen Theil zu einer Scenerie, zu der alle dämonischen Gewalten sich vereinigt haben müssen, um eine Stätte des Entsetzens, der trostlosesten Oede, der verlassensten Wildniß aus ihr zu schaffen. Den Platz im Jenseits, wo Heulen und Zähneklappern der ungerechten Seelen harrt, kann keines Höllenbreughel Phantasie schrecklicher erdenken, als die Wiege der Aar, vom Ausfluß des Aargletschers bis zur Grimsel. Dagegen scheint das Thal der Simmen die liebliche Heimath der heiteren Berg- und Wassergeister zu sein, ein weiter blumiger Grund, die Berggehänge vom Sammt der Matten bekleidet, ein lustig plätschernder, geschäftig Mühlen treibender Waldbach, dem verlangend von allen Seiten und Höhen junge Bächlein und klare Quellen zurieseln, auf und an den Bergen grünende Gehölze, üppige Fruchtbarkeit in der Thalebene und auf viele Stunden Entfernung dicht bewohnt und bebaut, von vielen tausenden wohlgedeihender Rinder und zahlreichen Heerden feinwolliger Schafe belebt. Von einer reizenden Eigenthümlichkeit ist das unter allen Punkten der Schweiz wohl am meisten besuchte und gepriesene Lauterbrunnenthal, ein enger, von senkrechten Felswänden eingeschlossener, wasserreicher Grund, in den in hunderten von Kaskaden die von den ferneren Gebirgen entsendeten Gewässer sich jählings hinabstürzen, die kahlen Felsenmauern mit silbernen Bändern garnirend. Grindelwald, das Thal der schwarzen Lütschine, vereinigt wie ein kunstvoll gefaßtes Geschmeide fast Alles, was die Schweiz an Naturschönheit aufzuweisen hat, das Erhabene und Liebliche, das Wildromantische und freundlich Malerische, das Schreckhafte, Imposante, Vernichtende der großartigsten Eis- und Schneeregion, und das Auge und Herz Erquickende und Erfrischende heiterer fruchtbarer Alpenvegetation, von Allen gleichsam ein ausgesuchtes Spezimen in glänzendem Schliff. Grindelwald ist das Bijou des Oberlandes. Auf weiter, üppig grünender Thalebene, über die die malerischen Hütten, Obstgärten und selbst Getreidefelder der Grindelwäldner zerstreut sind, erhebt sich der Gebirgsstock des Eiger bis zur Höhe von 12,000 Fuß; in kühn geschwungenen Umrissen und mit majestätischer Ruhe schauen die blendend weißen Piks des Riesenkammes auf die blühende Landschaft. Seine östliche Flanke umgürtet der untere Grindelwald-Gletscher,
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 66. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/76&oldid=- (Version vom 3.1.2026)