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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Europa’s, verwünscht und beklagt wird, daß nirgends tiefer die Nothwendigkeit ihrer Beseitigung erkannt und nirgends energischer und aufopfernder für letztere gekämpft wird. Obgleich noch kein Jahrhundert alt, ist die Sklaverei für Amerika’s innere Politik seit lange schon die glühende Frage, die allen Patrioten auf den Herzen brennt und über Kurzem in offenen Flammen auflodern wird, um dieser Erbsünde los zu werden, koste es, was es wolle. Amerika wird nicht so viele Jahrzehnte dazu gebrauchen, als Europa sich Jahrhunderte damit fortgeschleppt hat. Es ist ferner wahr, daß das Gesetz dort häufiger mißachtet und das Recht öfter ungestraft verletzt wird, als bei uns, aber es fragt sich dennoch, ist der Werth der Gesetzlichkeit da höher, wo solche aus freier Selbstbestimmung eines Volks hervorgegangen und deshalb dem Schutz der eigenen Bürgertugend und Bürgerpflicht anvertraut ist, oder da, wo die Unfreiheit des Volkswillens, die aufgezwungene eigene Unmündigkeit oder politische Theilnahmlosigkeit im Gesetz nur eine ihm gebotene Verordnung erkennt, und was ist eine solche Bürgertugend und Gesetzlichkeit werth, die auf Schritt und Tritt von einer bewehrten Schildwache gehütet und von der Furcht vor der Strafe und dem weitreichenden Arm der Polizei geleitet wird? Ist das aber nicht in den meisten europäischen Staatensystemen mehr oder minder der Fall? Dafür seufzt auch Amerika nicht unter der schweren Wucht eines kolossalen Regierungsapparats, unter dem Druck eines großen Beamtenheeres, unter der Willkürherrschaft einer allmächtigen Polizeigewalt, unter einer kaum erträglichen Schuldenlast und der Presse Gut und Blut verzehrender Steuerlasten wie so mancher europäische Staat. Allerdings empört dort manche That der Rohheit, mancher Akt der Selbsthülfe das sittliche Gefühl und leihen Dolch und Revolver der verbrecherischen Absicht oder der ungezähmten Leidenschaft dort häufiger ihre Hülfe, als hier zu Lande, aber ist der souveräne Trotz, die ungebrochene Thatkraft, die rasch auflodernde Energie der Leidenschaft nur des Mißbrauchs fähig, sind sie nicht zugleich auch eine bessere Garantie für den Fortschritt der Nation, für die Sicherheit ihrer Freiheitsgüter, für eine muthvolle Begegnung drohender Gefahren, für eine kraftvolle, wenn auch stürmische Entwickelung ihrer staatlichen Zukunft, als der zahme, in Ruhe und Sicherheit eingelullte, auf den Schutz der berufenen Regierungsgewalten vertrauende Sinn? Das gelobte Land der zügellosen Dollarjägerei und rücksichtslosen Selbstsucht, heißt es ferner; ja, gelobt sei dies Land, in dem der spekulative Geist, das in jeder Menschenbrust wohnende Verlangen nach materieller Wohlfahrt freie, durch keinen Koncessions- und Zunftzwang beschränkte, durch keine Schlagbäume, durch keine landesherrlichen Verordnungen gesperrte, nicht durch Konvenienzen, Herkommen, Standesvorurtheile vorgezeichnete Bahnen vor sich hat und ein unermeßlich großes, an Erfolgen unbeschreiblich fruchtbares Feld, auf dem Derjenige die ersten Preise erringt, dessen Fleiß, Fähigkeiten und Unternehmungsgeist ihm den ersten Rang im allgemeinen Wettlauf einräumen; was Wunder, daß dabei die Schwachen, Zaghaften und Trägen unter die Füße gerathen und zertreten werden da, wo nur die eigene Thatkraft, Selbstvertrauen und Energie Berechtigung
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 71. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/81&oldid=- (Version vom 3.1.2026)