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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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Vaterlandes zu dem Denkmal der alten Ehren und da steht auch die Hoffnung zu neuen Ehren noch in frischer Grüne.
Ein solches Denkmal der Deutschen ist die Wartburg. – Wie keine andere Stätte des Vaterlandes umschließt dieser Mauernring auf schroffen Felsenkanten die erhabensten Marksteine des Entwickelungsganges unserer Nation, die reichsten Erinnerungsräume an Blüthen- und Sturmzeiten deutscher Bildung und die erbaulichsten Bilder fürstlichen Familienlebens in Lust und Leid. Nirgends ist eine zweite Stätte im Vaterlande zu finden, wo der Schritt des deutschen Schicksals tiefere und bedeutsamere Spuren eingedrückt hätte. Spurlos ging keine Erhebung und kein Niedergang deutschen Volks an unserer Wartburg vorüber, und von den höchsten Triumphen des deutschen Geistes bleibt sie ein unverwüstlicher Zeuge.
Ja, der Vorrang ist ihr vor den glänzendsten Kaiser- und Königsschlössern Deutschlands sicher, daß sie immer mit der Zeit blühte und welkte, stieg und sank, daß kein glänzender und zündender Gedanke in den deutschen Häuptern loderte, dessen Widerschein nicht die Wartburg erleuchtet hätte, daß kein Elend und Jammer das Vaterland niedergeschlagen, wofür nicht in diesen Mauern heiße Thränen geflossen wären. Als das germanische Leben noch im duftenden Kranz der Sage träumte, hat auch die Wartburg mit dem blätterreichsten und frischesten sich geschmückt, der auf Felsenzinnen und Waldeshöhen um Mannesmuth und Frauenhuld, Volksvertrauen und Fürstentreue gewunden werden kann. Fast unmerklich wandelt der Sagenkranz sich in den gekrönten Helm der Geschichte um, ja, lange schmückt noch die Krone der unvergänglichere Kranz. Wie konnte solchem Reiz die Dichtung widerstehen? Als der geistige Klang das Leben in der Höhe veredelte, feierte die edelste Kunst im Wartburgkriege ihr schönstes deutsches Fest, das noch die Gegenwart im Gewande der Dichtung begeistert. Seitdem schmückt sie der Kranz der Poesie. Dann kam die Zeit, wo die fürstliche Pracht von den Bergen in die Thäler niederstieg. Auch die Wartburg neigte ihr Haupt und ward ein halbträumender Wächter. Es war damals, wo ein Raupenfraß am Immergrün deutschen Glaubens und deutscher Sitte nagte. Die Raupen trugen braune und schwarze Kutten und bildeten zusammen ein Ungethüm, häßlicher als der Heerwurm. Wie glänzende Lanzen schwangen einzelne Geistesblitze sich auf und stürzten auf den Feind, aber das Scheusal siegte und sie – gingen in Rauch auf. Da kam der Junker Görge mit dem rechten Speer, zertrat das Gewürm und heftete dankbar an die Wartburg den Ehrenkranz der Reformation. Das war der Wartburg zweite deutsche Geistesblüthe. – Nach diesem königlichen Aufstrahlen entschlummerte die Burg wieder, denn sie war damals schon fast ein halb Tausend Jahre alt. Alle Kriege, vom schmalkaldischen und dreißigjährigen bis zu denen des alten Fritz und des vorletzten Franzosenübermuths, brausten unter ihr hin, ohne die zerfallenden Mauern der Beachtung zu würdigen. Sie war zu gut für die Ehren des
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 83. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/93&oldid=- (Version vom 4.1.2026)