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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band | |
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so daß man wohl an jedes Volkshaus und Fürstenschloß als Warnungsworte in den härtesten Stein einmeißeln sollte: „Schwachheit, dein Name ist Restauration!“), also eine Wiederherstellung der Wartburg ist wohl längst von allem deutschen Volke, das ein Herz für Licht und Recht hat, für sehr wünschenswerth befunden worden. Da aber das arme deutsche Volk nur eine öffentliche Meinung, keine öffentliche Kasse hat und, wenn trotzdem etwas Oeffentliches vollendet worden, hinterher nur mit einem öffentlichen Urtheil dienen kann, so ist es ein Glück für seinen Wunsch, daß derselbe zugleich in der Seele eines deutschen Fürsten, der nach Stammrecht in des Springers Räumen waltet, einen Ehrenplatz einnahm, und endlich, daß die bauende Hand der rechte Geist leitete. Denn wenn auch darin nur ein Gefühl herrschte, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte durch nothwendiges Einreißen und nothdürftiges Aufbauen die Wartburg endlich ein Aeußeres erreicht hatte, dessen Bild nicht einmal der heimathlichen, geschweige der nationalen und weltgeschichtlichen Bedeutung derselben angemessen war, so blieb doch das Wie und Wieweit der Wiederherstellung eine nicht leicht zu beantwortende Doppelfrage.
Mach’ Dich auf zur Wallfahrt, Leser! Du findest die Frage gelöst, sie spricht zu Dir fest und klar, wie Friedrichs Schwert und Luthers Geist, in den steinernen Zügen zweier Zeitalter. Es ist keine neue Wartburg entstanden, nicht irgendwelche beliebige Phantasie hat eine gemauerte Theaterdekoration der Romantik über die grauen Reste aufgethürmt, sondern die alte Wartburg grüßt uns wieder in freudestrahlender Jugend. Mit zarter Hand hat man das Vorhandene der guten Zeit von den Zuthaten und der Tünche des Bedürfnisses späterer Jahrhunderte befreit und mit dem Ernst der Verehrung vor der Weihe der Stätte das Fehlende hinzugefügt. Wieder ragt der hohe Burgfried empor über die heiteren Hallen byzantinischer Pracht, der hohe Saal harrt der Sänger, die Kapelle der Gläubigen, von allen Wänden sprechen Sage und Geschichte zu Dir von „des Ritterthums und christlicher Tugend Dichtung und Kunst“. Auch Friedrichs des Freudigen „Tirnitz“ wird Dir bald wieder zugänglich sein mit ihren gemüthlichen Wohnungen und ihrer stattlichen Waffenhalle, und sie und ihr Styl werden Dich hinüberführen aus der byzantinischen zur Periode der letzten altdeutschen Bauweise, in welcher die Thorburg, wo das alte Ritterhaus und Luthers Wohnung der Geschichte angehören, mit etwas ernsterer Miene in die Gegenwart schauen. Und selbst der Thorthurm richtet sich wieder auf und hofft, daß seine treue Zugbrücke sich allnächtlich wieder an ihn schmiege.
Ein schöner Traum, welchen Tausende in glücklichen Stunden des schwärmenden Geistes auf dieser Höhe geträumt, ist in die Wirklichkeit getreten. Nicht nur die Bauten, auch die Gestalten der Vergangenheit sehen wir vor uns; was der sinnige Besucher, in der Laube am Gemäuer sitzend, beim Rauschen der Blätter, aus der Wartburg Sagen und Geschichten in sich ausgemalt, das ist nun gemalt. Die Kunst ist allem Träumen zu Hülfe gekommen und die Namen Ritgen und Schwind haben sich dort fest mit dem Stein vermählt.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1859, Seite 88. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_20._Band_1859.djvu/98&oldid=- (Version vom 4.1.2026)