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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Kinder, dies Bild gilt euch; die Großen haben so oft am Universum ihre Freude gehabt, daß sie es euch gönnen, wenn heute einmal an euch die Reihe kommt.
Im Garten unter dem Kastanienbaum ist für uns der schönste Platz. Seht nur, wie die Lust des neuen Lebens in den Baum gefahren ist, wie festlich er sich zur Frühlingsfeier geschmückt hat! Wie hundert weiße Wachskerzchen mit rothen Flämmchen ragen auf allen Zweigen seine herrlichen Blüthen zwischen dem jungen Grün empor, und so leuchtet er hinein in das Land, als winkte er allen Kindern wie ein mächtig großer Weihnachtsbaum.
Ja, wie ein Christbaum sieht er aus, und er steht gerade so da, als ob er uns daran mahnen wollte, in dieser Frühlingszeit an den schönsten Baum des Winters zurück zu denken. Und ist denn nicht jeder Baum wieder zum Kinde geworden? Betrachtet nur die alte Buche dort und die großen Linden, wie lustig sie mit ihren kleinen zarten Blättchen spielen! Wie sind alle die alten Bäume so jung geworden! Fürwahr, es ist eine Wonne, im Frühling zu leben, im Frühling des Jahrs und – im Frühling des Lebens!
Aber daß der Frühling des Lebens seinen schönsten Baum im Winter hat, das ist doch wunderlich, nicht wahr, Kinder? Nicht wunderlich, wunderbar schön und herrlich ist es, unser Weihnachtsfest zwischen dem Schmuck der Eisblumen am Fenster und dem knisternden Feuer im Ofen. Weißt du noch, wie du mit den Brüdern und Spielkameraden auf dem Weiher Schlittschuhe fuhrst, wo die schneebedeckten Tannen im Mondlicht glitzerten? Und wie die Gebetglocke läutete, da wurden die wildesten Buben so fromm, denn es ging ein Rauschen durch den Wald und der Kleinste von ihnen rief: Es ist gewiß wahr, jetzt hab’ ich das Christkindlein gesehen, wie es mit goldigen Flügeln über die Bäume flog. Da lief Alles heim voll Freude, und richtig, da standen die Christbuden voll Lichterglanz und alle Aeltern sagten, der Kleine habe recht gesehen. Und die Mädchen sagten das auch, als sie vom Haine mit ihren Schlitten heim kamen. Also muß es doch wahr gewesen sein, denn die Freude war in allen Herzen groß und wahr. Ja, und die Budenreihen, die könnten zu keiner andern Zeit so schön strahlen, als im Winter zwischen dem Schnee der Dächer und dem Eis der Straße. Und wie geschwind geht’s von einer Budenfreude zur andern, weil es so kalt ist, und was sehen die munteren Augen Alles mit Einem Blick, und was haben die Pfefferkuchen für einen feierlichen Geschmack, und die Schnurren und Pfeifen, die Trompeten und
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 92. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/102&oldid=- (Version vom 17.1.2026)