Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/105
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
Jetzt gilt’s eilen, Kinder, die vom Segen und Dank vieler tausend Millionen geweihete Stätte zieht mächtig das Herz. Die Gegend selbst wird anmuthiger, das Grün der Bäume schmückt sie häufiger. Den Weg belebt manche erhabene Erinnerung aus den kleinen Anfängen der christlichen Weltreligion und manche fromme Legende. Auch die Stelle zeigt man uns, wo die Engel den Hirten die große Freude verkündeten, die allem Volke widerfahren sollte, und das Dorf, wo jene Hirten wohnten. Wenn wir nur noch eine Viertelstunde vom Ziel unserer Wallfahrt entfernt sind, betreten wir einen holperigen Weg, der zwischen Weingärten und Olivenpflanzungen hinführt, und wandeln wir diesen eine kleine Weile, mit dem verhaltenen Athem und den gespannten Blicken der höchsten Erwartung, so steht plötzlich unser Bild vor unseren Augen. Da liegt das heilige Bethlehem! Mit seinen weißen Häusern und platten Dächern blickt es von den äußersten Kanten eines Bergrückens herab, der von Osten nach Westen zieht, lieblich hingelagert zwischen Feigenbaumgruppen und Oelbäumen, aber umgrenzt von Trümmern, die von glänzenderen Tagen des jetzt so kleinen, armen Städtchens zeugen. Wir sehen rechter Hand ein Häuflein Wallfahrer dem Thore zu ziehen, durch welches man von Jerusalem den Ort betritt; zur Linken erheben sich die burgartigen Massen des Klosters der Geburtskirche, im Hintergrund überragt von dem sogenannten Frankenberg und in weiter Ferne begrenzt von den Gebirgen Judäa’s und des steinigen Arabiens, die das todte Meer umschließen.
Seht es euch recht mit dem Herzen an, liebe Kinder, dieses kleine Bethlehem, dessen Name so sinnreich „Haus des Brodes“ bedeutet. So sieht es jetzt aus. Eine einfache Mauer umgibt das Städtchen, dessen Häuser sämmtlich massiv, aber unansehnlich sind, wenn auch sie, wie die Umgebung von Bethlehem, für den Fleiß und verhältnißmäßigen Wohlstand der Bewohner sprechen. Oliven-, Feigen-, Wein- und Getreidebau sind die Hauptnahrungszweige der durchaus christlichen Bevölkerung von ungefähr 3000 Seelen; nicht geringen Erwerb ziehen sie auch aus der Verfertigung künstlicher und feiner Schnitzereien, namentlich von Rosenkränzen, Krucifixen, Abbildungen der heiligen Stätten aus Olivenholz, Dattelkernen, Perlmutter und dergleichen. Der Mensch erfreut sich ja so gern an einem sicht- und greifbaren Erinnerungszeichen an geistige Größen und Ereignisse. Das Beste, das Unvergängliche, trägt jedoch Niemand anders, als im Herzen fort.
Damit wollen auch wir, liebe Kinder, von Bethlehem scheiden. Ehe wir aber die Blicke abwärts wenden von dem kleinen Fleckchen Erde, wo das verlorene Paradies der Menschheit noch einmal erschlossen worden ist, so antwortet, ihr Kinder, auf die Frage jenes kleinen Knaben des Weihnachtfestes: „Aber was wollen wir denn unserm lieben Christkindlein zum Geburtstag geben?“ mit dem stillen Gelöbniß:
Ach, muß das herrlich auf der Welt werden, wenn einmal alle Kinder dies geloben und – alle Wort halten!
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 95. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/105&oldid=- (Version vom 17.1.2026)