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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Hoboken ist das Ghetto der „Dutchmen“, welche der stickende Staub, die versengende, von den hellen Häusermauern reflektirende Sonnengluth, das lärmende Gewühl der Fuhrwerke, der Rauch und das Getöse der Fabriken, Schmutz, Rohheit, Sittenverderbniß und wie die dunkeln Kehrseiten einer glänzenden Welt- und Seestadt alle heißen mögen, aus den Straßen Newyorks verbannt in die frische Luft, unter den reinen Himmel, in die Sabbathstille des anmuthigen jenseitigen Gestades des Hudson. Dort lebt der wohlhabende Deutsche, der Kaufmann namentlich, nachdem er sein Bureau in Newyork, den Behälter seiner Arbeit und Sorge, hinter sich hat, ein ächt deutsches Leben, mit allen Reizen der Geselligkeit, mit aller Innigkeit des Familienkultus, mit allen Vorzügen seiner Gemüthsbildung, die er aus dem Vaterland mitgebracht hat; nur hat sein äußeres Leben die edlere Form angenommen, welche von der Verfeinerung des Lebensgenusses, von der allgemein höhern Lebensstellung dort bedingt wird. DemYankee ist es in solcher Atmosphäre nicht wohl und der Deutsche ist ihm nicht gram, daß er ihn in seinem Hoboken nicht heimsucht.
Die Sibyllengrotte ist eine liebliche Uferpartie des Hudson an einem der besuchtesten Spaziergänge der Hobokener. An freundlichen Tagen kann man darauf rechnen, dort deutsche Familien-Pikeniks, Tanzpartien auf dem Rasen, spielende Kinderhaufen und Gruppen heiterer Spaziergänger anzutreffen, Erscheinungen, die anderswo in einer amerikanischen Stadt zum Unerhörten gehören. – Fraglich ist’s freilich, wie lange noch der Deutsche ein solches Plätzchen der Zurückgezogenheit für sich bewahren kann, denn schon spricht man von Anlegung von Docks und Waarenhäusern an diesem Ufer des Hudson, da am gegenüberliegenden die sich drängenden Schiffe keinen Raum mehr finden. – Adieu dann, du verstecktes liebliches Plätzchen, du Grotte der Hobokener Sibylle!
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/108&oldid=- (Version vom 17.1.2026)