Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/109
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
Wenn Denn du das Innthal hinauf wanderst in’s prächtige Land Tyrol, und hast endlich den Ort Straß erreicht, so siehst du links ein weites lichtes Thal sich öffnen: dahinein geht unser Weg. Wie sanft und lieblich wandelt sich’s hier! Wie lebensvoll und jugendkräftig ist Alles! Hast du je blumigere und saftigere Wiesen gesehen oder schwellendere Saatfelder? Wie ein Park steigen die Pflanzungen, die herrlichsten Ahorn-, Linden- und Wallnußbäume, hüben wie drüben den Bergabhang hinan. Nirgends ein kahler Felsen oder ein Bergriß, selbst die jäheren Halden überdeckt von einem Mattenteppich! Hie und da schaut aus grüner Gartenumgebung ein freundliches Dorf mit spitzem Kirchthurm hervor, während zahllose Einzelansiedlungen, in reizender Lage, bis zum Hochwald hinansteigen, über den die kahlen Zinken des Hochgebirges sich erheben. Schau, das ist das Zillerthal, das schönste Thal im ganzen nördlichen Tyrol, dazu bewohnt von den hübschesten, fleißigsten und lustigsten Menschen weit und breit. Du sollst dich davon überzeugen, wenn wir dort in Fügen, einem Hauptorte des Thals, Rast machen.
In Fügen ist’s hübsch. Wie schmuck im Grün der Obstbäume die Häuser aussehen, mit ihren überhängenden Schindeldächern und den Blumengärtchen davor, in denen Levkoien, Rosen- und Nelkenstöcke prangen, die Lieblingsblumen des Tyrolers. Und wenn gar am Abend, besonders am Sonntag, Mädchen und Buben vor den Thüren sitzen, lachend und kosend, oder die Zither schlagend und Schnadahüpfln singend (du weißt ja von daheim aus, wie gern und schön man im Zillerthal singt!) – dann ist’s allerliebst. Du darfst schon näher treten und sie begrüßen. Sie hören’s gern, daß es dir bei ihnen gefällt, und bekräftigen es treuherzig: „Ja im Zillnthal isch fein!“ Ja, wahrlich! und fein sind sie selber, die stattlichen Buben wie die rothbackigen Mädchen im netten Sammtspenser und kurzen Rock, auf dem Kopf den spitzen Hut, der die klugen Augen beschattet.
Willst du weiter, bis Zell, dem zweiten Flecken des Thals, oder bis Mayrhofen – wieder dieselben lieblichen Bilder, dieselbe krystallene Frische, dasselbe schimmernde duftige Grün, dieselben saubern, netten Dörfer, – und hinter Mayrhofen das Durthal, das Stilrupthal, den Zillergrund hinauf, wo die Ahornspitz, das Hörnlejoch, der Krimmlertauern mit ihren Schneefeldern und glänzenden Fernern emporragen, – die guten Leute zeigen dir wohl den Weg. Ich gehe diesmal nicht weiter mit.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 99. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/109&oldid=- (Version vom 17.1.2026)