Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/123

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Fabrikort war Leipzig immer unbedeutend, und Manufakturen haben hier, nehmen wir wenige aus, niemals rechtes Gedeihen gefunden.“ Dagegen kann der „Führer durch die Stadt“ vom Jahre 1860 sagen: Leipzig ist auch ein wichtiger Fabrikplatz geworden. Von den Tabak- und Cigarren- bis zu den künstlichen Blumenfabriken, von den Spinnereien bis zu den großartigen Anstalten der graphischen Künste hätten wir Hunderte und Hunderte von Erwerbszweigen aufzuführen, die Menschenhände zu Tausenden beschäftigen und ihre Erzeugnisse im Werth von Millionen nach allen Welttheilen aussenden. Und dies ist die wahre Quelle des Wachsthums von Leipzig. Jeder neu aufsteigende Fabrikschlot zieht einen neuen Kreis arbeitender Hände herbei, und immer dichter ragen diese Industriethürme empor und rücken die Soldaten des Kapitals auf dem Kampffeld des Fleißes vor.

Wer gegen die Fortschritte der Gegenwart in staatsbürgerlichem und volkswirthschaftlichem Wohle nicht blind und undankbar sein will, muß zuweilen einen Blick in die deutsche Vergangenheit werfen und auf den dornenvollen Weg, auf welchem unsere blühenden Städte groß geworden sind. Zu Leipzigs Entwickelung trug allerdings noch der ihm eigenthümliche Charakterzug bei, daß es seit lange das Unglück seiner durch Lage oder Pflege früher begünstigteren Nachbarstädte mit mehr als kaufmännischer Schlauheit zu seinem Nutzen auszubeuten verstand. Für die Zeit bis zum dreißigjährigen Kriege muß der Stadt aber zugleich die Ehre zuerkannt bleiben, daß ihre Bürgerschaft auf die Tapferkeit ihrer Männer so stolz sein konnte, wie auf die Festigkeit ihrer Mauern. Sie trotzten und widerstanden mancher Gefahr glücklich, der ihre Nachbarstädte erlagen, und hat so durch frühere Kriegstüchtigkeit viel von dem Boden gewonnen und bewahrt, auf welchem die friedliebenderen Nachkommen mit spekulativer Rührigkeit weiter bauen konnten. Ueberblicken wir im Flug die interessantesten Phasen ihrer Geschicke:

Nachdem die Stadt im 12. Jahrhundert von außen durch Kriege und Belagerungen, im Innern durch die steigende Macht des ihr aufgezwungenen Mönchsthums viel gelitten, verdiente sie sich bessere Tage durch ihre siegreichen Kämpfe für Heinrich den Erlauchten (1263). Dessen Sohn Dietrich der Weise ertheilte ihr nicht nur eine freie Municipalverfassung, sondern begünstigte insonderheit ihren Handel, indem er fremden Kaufleuten für sich und ihre Waarenlager vollkommene Sicherheit selbst für den Fall gewährte, daß er mit deren Landesherren in Krieg gerathen würde: eine für jene Zeit, wo stets zunächst des Bürgers und Bauern Gut und Leben für die Unbill des Fürsten herhalten mußte, ganz außerordentliche Vergünstigung. Die Kämpfe Albrechts des Unartigen unterbrachen die Blüthe der Stadt, und erst 1320 kam wieder dauernder Friede über das Land. In dieser Zeit wurden die Burgen der Raubritter in ganz Sachsen gebrochen, die Sicherheit der Straße befestigte den Handel, Leipzig wurde Stapelplatz für polnische Waaren, erhielt das Recht, Lehngüter zu kaufen, und die Macht, dem Uebermuth der Priester und Mönche Zaum und Zügel anzulegen. Von 1350–1362 verheerte die Stadt der schwarze Tod, Priestermacht und Aberglaube stiegen und Glück und Wohlstand sanken. Da half 1387 Merseburgs