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ihrer Macht und ihres Daseins. Da trat die Lüge dazwischen mit der Larve des Friedens, der Gerechtigkeit und der Menschenliebe und schuf den deutschen Konstitutionalismus, das Asyl, in dem die Einen wie die Andern Zuflucht suchen und zur Versöhnung sich die Hände reichen sollten. Koncessionen den Einen, Vorrechte den Andern, das sollte in vorgeschriebener Mischung der heilsame Trank sein, von dem beiden aus offenen Wunden blutenden Gegnern: dem verletzten historischen Rechte und der beleidigten, zum Selbstbewußtsein gelangten Menschenwürde, Heilung verheißen ward. Die 20 Jahrgänge des Universums bezeichnen ungefähr die Lebensdauer dieser Lüge und haben es bereits selbst erlebt, daß ihr nachgerade die mächtigere Wahrheit die Larve vom Angesicht riß. Der Antagonismus ist geblieben, die Wunden bluten heftiger als je, die Waffen kreuzen sich wieder in heißer Kampfbegier – das Experiment des deutschen Schein-Konstitutionalismus ist mißlungen. Ist’s nicht so? Oder war die Erschütterung des Jahres 48 etwas Anderes, als eine Explosion in der Retorte des faulen Konstitutionalismus, und sind, so sorgfältig der lecke Apparat auch wieder geflickt wurde, seitdem die feindlichen Elemente, welche er gefesselt hält, der gehofften Verbindung näher gerückt? Hat sich irgend etwas einer Lösung Aehnliches geklärt in den Fragen der Zeit oder brausen nicht vielmehr ihre Atome noch mit ungeschwächter Leidenschaft gegen und durcheinander? Auf keiner Seite fehlt die Erkenntniß, daß es so sei, daher einerseits die Gewaltthaten, Umstürze, Oktroyirungen, Staatsstreiche und sonstigen Regierungsmittel, um das unbequeme Instrument entweder ganz bei Seite zu werfen oder ungefährlich zu machen, oder wenigstens bequemer zu handhaben; andrerseits die ohnmächtige Auflehnung, Klage um das Verlorne, Geringschätzung, Gleichgültigkeit gegen das Verstümmelte. Und die faule Frucht des mißlungenen, weil mißleiteten Experiments? Vollständige Depravation des deutschen Volksgewissens nach innen, Feigheit und stumpfsinnige Resignation nach außen, Ehrgeiz im Servilismus oder blöder Verzicht auf alles staatliche Selbstbewußtein. Wie wär’s sonst denkbar, daß in einer Zeit, wie der unserigen, auf der Schwelle welterschütternder Ereignisse, in Mitten drohender Gefahren für nationale Selbstständigkeit, Nichts als banales Maulheldenthum das Feld behauptet, Nichts als Zänkereien zwischen Süd und Nord die Luft erfüllen, Jeder nur feige für sich und das Seinige zittert, das Ach und Weh des bedrängten, mißhandelten Bruders Nichts als Mitleid erntet, die Faust sich höchstens in der Tasche ballt und es in Deutschland schon aussieht, wie nach einer verlorenen Schlacht? Aber wer kann es bessern, fragen wir? Die Monarchie? die Demokratie? Keine ohne die andere. Kann aber die eine mit der andern sein, können Beide unter einem Dache wohnen, kann es in Deutschland wirklich einen Konstitutionalismus geben, unter dem des Volkes Glück gedeihe? Es kann, wenn Monarchie und Demokratie davon abstehen, einen Vernichtungskampf gegen einander zu führen, der nur mit dem Untergang des Volks enden, es nur dem Raub eines Dritten preisgeben muß; es kann, wenn in der Monarchie die Ehre, in der Demokratie die Tugend an das Steuer ihrer Triebe treten, wenn die Erkenntniß die Berechtigung der Einen wie der Andern zugesteht, wenn die Gerechtigkeitsliebe verhütet, daß