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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Fluthen des Baches schwellen, nachdem er sich eine Enge durch diese Felsenmauern gebrochen. Lange blieb für den Fuß des Menschen kein Raum auf diesem Höllenwege, bis Mühe und Zeit den überhängenden Felswänden doch einen Pfad abrangen, den sie auf schwanken Stegen über schwindelnde Abgründe leiten mußten.“
„Endlich haben wir uns durchgewunden durch die Schauer dieses Schlundes und betreten das Innere der Alpenveste, eine neue, völlig verschiedene, abgesonderte Welt. Die Region des Baumwuchses haben wir verlassen, nur hie und da bezeichnet eine sibirische Zeder noch im tiefen Schnee des Winters dem Wanderer den Pfad, wie die Palmen der Wüste dem Beduinen in seinem beweglichen Sandmeer. Hinter uns liegt die Region jener furchtbaren Abgründe und Felswände, denn statt der früheren Thalesspalten, deren Tiefe der wüthende Bergstrom ausfüllte, breitete sich jetzt ein sanfter Hügel über den ansteigenden Thalboden aus, Bergesgräber, überzogen mit dem saftigen Grün der Matten. Wolkenmassen stürmen heran, sie umfloren nicht mehr die hohen Gipfel, sie schweben als Nebelgebilde auf der Tiefe des Thales daher und umhüllen uns bald in nächtliche Finsterniß, bald lassen sie auf wenige Schritte kurzberaste und benetzte Felsenhügel erkennen. Fast erschreckt werden wir in dieser Einsamkeit durch eine abenteuerliche Gestalt, die wie ein Geist aus dem Nebel heraustritt – in einen weiten Mantel von Schafpelz gehüllt, den breitkrempigen Hut in der Stirn, von der schwarze lange Locken triefend herabhängen: es ist ein Schafhirt, der seiner ihm anvertrauten Heerde auf diese eisigen Höhen folgt. Immer heftiger brausen die dichter und dichter werdenden Wolken daher und schütten ihren Inhalt in Form eisiger Graupen uns entgegen, der Weg und die Hoffnung auf ein Obdach drohen uns, verloren zu gehen, da tönt der Klang einer Glocke an unser Ohr; er scheint aus einem grauen Felsblock herab zu kommen – wir entdecken in ihm einen fensterlosen gothischen Bau, aus dessen Spitzthurm die ernsten, aber gastlichen Töne zu uns niederwallen.“
„Mit der Wald- und Frucht-Region liegt auch die Region der Gast-, wenn auch nicht der gastlichen Häuser hinter uns. Wir sprechen bei’m Pfarrer ein, der uns willig seine niedrige Hütte öffnet; freilich dürfen wir in ihm keinen Prälaten, also auch nicht dessen Tafel erwarten. Wenn der Seelsorger dort oben sich ein Festmahl bereiten will, muß er erst eine Jagd in’s Gebirge machen, um vielleicht nach tagelangem Klettern eine fette Alpenmaus, ein Murmelthier, zu erlegen. Die Würze zu der Abendmahlzeit liefert die Erzählung der Abenteuer, welchen hier der Mensch im Winter und Frühjahr ausgesetzt ist. Um so mehr wundern wir uns, zu erfahren, daß gerade der tiefste Winter die Verbindung mit den unteren Thälern ermöglicht, daß alle Bedürfnisse des Lebens und der Wohnung in jener Jahreszeit heraufbefördert werden, und zwar durch jenen furchtbaren Schlund, in dessen Tiefe wir jetzt kaum hinabzuschauen wagen; wenn seine Katarakte erstarrt und mit Schnee überschüttet sind, wagt sich der Schlittenzug dieser Aelpler durch den gefährlichen Paß. Herbst und Frühjahr schneiden aber dieses Hochland gänzlich ab; selbst der Gemsjäger findet kaum einen zu erkletternden Stieg mehr dahin.“
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 123. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/133&oldid=- (Version vom 18.1.2026)