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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Schneegebilde ein einziger von Sturm begleiteter schneeiger Wintertag an Bäumen, Abhängen, felsigen Bergrändern aufbauen kann und dem die Phantasie dazu ausreicht, möge sich ein Bild von den Werken tausendjähriger Winterstürme zwischen zum Himmel ragenden Felsenkolossen zu machen suchen – von den Gebilden der Ferner. Hier die grünblauen Stufen eines Riesen-Amphitheaters, dort eben so gefärbte phantastische Windungen; sie hängen, schweben, klettern, schwingen sich über Abgründe, um Wände, durch Nadeln hindurch; das Auge begreift nicht, wo die hängende Masse ihren Haltpunkt hat, es wartet jeden Augenblick auf den Einsturz, und im nächsten Jahr zagt sie noch immer, den kühnen, verderblichen Sprung zu thun. Dort erblickt das Auge an der senkrechten Wand die Falten eines zusammengeschnürten Gewandes, von den flatternden, an den Schärfen der Wände sich brechenden Stürmen gefältelt. In der Tiefe endlich, wo, nicht zufrieden mit seinen Eroberungen im warmen Klima, der ewige Winter seine Herrschaft noch weiter auszubreiten sucht und seine vordringenden Heere, die Gletscher, je weiter sie sich hinab wagen, mit desto festerem Eispanzer gegen die feindlichen Sonnenstrahlen umgibt, wird der Schnee durch die Stürme, noch mehr durch die sich losreißenden Lawinen aufgehäuft und sendet in Eis verwandelte blaue Ströme durch alle Schluchten hinab in’s Thal – seine Hülfstruppen zum Hauptheer.“
„Wir kehren nach solchen Abschweifungen der Phantasie zu uns selbst zurück. Kein Wölkchen trübt den Himmel, der Dunstkreis ist rein, und dennoch ruft es uns endlich zu: hier ist deines Bleibens nicht; du lebst in Raum und Zeit – hier ist die Wohnstätte der Ewigkeit und Unendlichkeit. Kein Zeichen verräth den Fortschritt der Zeit; der Himmel gleicht einer ehernen Decke, die Sonne haftet glanz- und strahlenlos an ihm, erstarrt ist die Natur, keine, auch gar keine Bewegung bemerkt das Auge, nicht den leisesten Schall vernimmt das Ohr. Das Gefühl der Einsamkeit übermannt das Gemüth, die eigenen Pulsschläge erschrecken, es treibt uns eine unwiderstehliche Sehnsucht zum Leben von dannen, hinab von den Zinnen dieser hohen Burg des Todes. Auch die Führer mahnen zum Aufbruch und jetzt erst, während sie Stricke uns um den Leib legen, denken wir der größern Gefahren des Hinabsteigens. Doch der Sinn ist kühner geworden und schneller, als wir erwarteten, erreichen wir den Rand des Ferners, der hier im Süden plötzlich in schwindelnde Tiefe abbricht. Hier oben im Lichtglanz der Schneewelt und der sich neigenden Sonne erscheint die schon im Schatten hoher Wände ruhende Thaltiefe als ein nächtlicher Abgrund. Erst nachdem wir die höchsten Abstürze hinabgeklettert, der blendende Schnee und die Sonne verschwunden, hellt sich unsern Blicken da unten eine neue Welt auf. Freudig begrüßen wir das erste niedere Sennendach und trotz der völligen Abgeschiedenheit dieses Thals erscheint es uns doch mit seinen wenigen Heerden und Hirten gegen die eben verlassene Bergeswüste ein bevölkertes Land. Nochmals versperrt ein Felsendamm den Ausweg, jedoch nach dem Ueberstandenen gibt’s für uns kein Wagniß mehr, auch auf den schauerlichsten Pfaden durchzudringen. Der Abendwind rauscht in den hohen Wipfeln ehrwürdiger Kastanien, als wir
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 126. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/136&oldid=- (Version vom 18.1.2026)