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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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die Eine wieder nehme, was sie gegeben, die Andere mißbrauche, was sie erworben hat, wenn die Weisheit die Rechte der Einen wie der Andern gleichmäßig beschränkt, ihre Macht gleichmäßig vertheilt, – dann wird die Bahn offen für den Prinzipienkampf, nicht mehr wird die Wucht der Gewalt auf der Ohnmacht lasten, nicht mehr des Erlegenen Zähneknirschen den Uebermuth des Siegers herausfordern; dann wird der Kampfplatz der Gedanken frei, dann erproben die Ideen den Muth!
Und damit es solches vollbringe, so baue auch unser Volk seinem Parlamente ein Dach, so groß, so hoch, so fest und so wohl geschützt, wie das an den Ufern der Aar.
Bern’s neuer Bundespalast ist ein einfacher, aber desto soliderer, nicht weitläufiger, aber desto zweckmäßigerer Bau von Stein, in einer der schönsten Lagen der Stadt und der Schweiz überhaupt, und wurde erst im vorigen Jahr von den gesetzgebenden Versammlungen und obersten Behörden der Konföderation bezogen. Die Geschichte, die seine Mauern gesehen haben, ist also eine noch zu junge, um Erwähnung zu verdienen; die Geschichte aber, der er seine Entstehung verdankt, ist die Geschichte der Schweiz; so klein auch ihr Schauplatz, so groß ihre Bedeutung für Europa; mehr noch, sie ist eines der wichtigsten und lehrreichsten Stücke aus dem Kultur- und staatlichen Leben der Menschheit.
Nichts ist von der Natur mit schärferen Zügen vorgezeichnet, als die Bestimmung der Menschheit, und doch ist keine Schrift weniger verstanden, gegen keine mehr gesündigt worden. Die Zeit, in welcher der Geist des Menschen zur Erkenntniß der Natur gelangte, war eine so späte, daß er Jahrtausende lang die Regeln seines Lebens nicht da zu suchen gelernt hatte, wo sie ihm täglich entgegentraten, sondern aus unnahbaren Fernen herbeizuholen sich bemühte, die sich seiner Anschauung und Prüfung entzogen. So entstanden die der Natur entfremdeten Gesetze, durch welche die Menschheit in die Nacht der Blindheit des Glaubens und Gehorchens eingeschlossen wurde, und es sollte unermeßliche Summen Unglücks und Ströme Blutes kosten, ehe die künstliche Wand durchbrochen und dem Lichte des Himmels die Bahn geöffnet werden konnte.
Der an sich so einfache Gang der Natur mußte auf dem dornenvollen Umweg der Geschichte vollbracht werden; die bittersten Erfahrungen allein waren im Stande, die Blicke der Forscher in die Nähe, auf die eigene Flur, in die Straßen und Gassen, in die Häuser und in die Herzen des Volks zu lenken, um da den ewigen Zusammenhang zu ergründen, in welchen alles Geschaffene durch unwandelbare Gesetze vom Anbeginn gebracht ist; Jahrhunderte sollten vergehen, ehe erkannt wurde, daß nur aus dem Zerreißen dieser Gesetzesbande die Quelle alles Unglücks der Staaten und Familien entsprang.
Und auch die Geschichte war eine langsame Lehrerin mit verfälschten oder unverstandenen Büchern. Ihre Lehren glichen den Blumen, die auch Gift enthalten, und es gehörte der feine Sinn der Biene dazu, um aus
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/14&oldid=- (Version vom 14.1.2026)